Künstliche Intelligenz gilt als die große Zukunftstechnologie unserer Zeit. Sie schreibt Texte, analysiert Daten, steuert Fabriken und soll ganze Volkswirtschaften produktiver machen. Während die Welt über Algorithmen, Chips und Milliardeninvestitionen diskutiert, stellt ein Wissenschaftler eine unbequeme Frage: Wer spricht eigentlich über das Wasser?
Diese Frage stellt Kaveh Madani seit Jahren.
Der iranische Umweltwissenschaftler und heutige Direktor des United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH) gehört zu den wenigen Forschern, die ökologische Krisen nicht isoliert betrachten, sondern als miteinander verbundene Systeme verstehen. Wasser, Energie, Rohstoffe, Infrastruktur und gesellschaftliche Entwicklung – für Madani sind sie Teil derselben Gleichung.
Aktuell sorgt er weltweit mit einer Analyse für Aufsehen, die den ökologischen Preis des KI-Booms sichtbar macht.
Gemeinsam mit seinem Team zeigt er, dass künstliche Intelligenz weit mehr ist als Software. Hinter jedem Chatbot, jedem Bildgenerator und jeder automatisierten Analyse stehen gigantische Rechenzentren, die enorme Mengen an Strom, Wasser und Fläche benötigen. Die öffentliche Debatte, so Madani, behandle KI häufig als rein digitale Technologie. Tatsächlich sei sie jedoch physische Infrastruktur – mit Stromleitungen, Kühlsystemen, Rechenzentren, seltenen Rohstoffen und wachsendem Ressourcenverbrauch.
Die Zahlen sind beeindruckend – und alarmierend zugleich.
Laut dem aktuellen Bericht des UNU-INWEH könnte sich der Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf rund 945 Terawattstunden verdoppeln. Das entspricht ungefähr dem heutigen Stromverbrauch Japans. Auch der Wasserbedarf würde drastisch steigen. Bereits heute benötigen Rechenzentren Milliarden Liter Wasser zur Kühlung ihrer Systeme. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte dieser Verbrauch ein Ausmaß erreichen, das dem jährlichen Bedarf von mehr als einer Milliarde Menschen entspricht.
Madani ist jedoch kein Technologiegegner. Im Gegenteil. Seine zentrale Botschaft lautet, dass technologische Innovation und Nachhaltigkeit gemeinsam gedacht werden müssen.
KI könne einen wichtigen Beitrag zur Lösung globaler Herausforderungen leisten – von der Energiewende über das Gesundheitswesen bis zum Wassermanagement. Doch ohne Transparenz und klare ökologische Leitplanken drohe die Technologie selbst zu einem neuen Umweltproblem zu werden.
Seine Glaubwürdigkeit speist sich nicht nur aus wissenschaftlicher Expertise, sondern auch aus einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Geboren in Teheran, entwickelte Madani schon früh ein Interesse für Wasserfragen. Nach Studien in Iran, Schweden und den USA wurde er zu einem international anerkannten Experten für Wasserressourcenmanagement. Später kehrte er in seine Heimat zurück und übernahm eine führende Umweltfunktion in der iranischen Regierung.
Doch sein Einsatz für wissenschaftsbasierte Umweltpolitik brachte ihn in Konflikt mit politischen Hardlinern. Nach massiven Anfeindungen und Repressionen verließ er das Land und setzte seine Arbeit im internationalen Wissenschaftsbetrieb fort. Heute arbeitet er von Nordamerika aus an globalen Lösungen für Wasser-, Klima- und Nachhaltigkeitsfragen.
2026 wurde Madani mit dem renommierten Stockholm Water Prize ausgezeichnet – einer Ehrung, die oft als „Nobelpreis des Wassers“ bezeichnet wird. Die Auszeichnung würdigt seine wissenschaftlichen Beiträge ebenso wie seine Fähigkeit, komplexe Umweltprobleme verständlich zu machen und in politische Prozesse einzubringen.
Für die Nachhaltigkeitsdebatte Europas kommt seine Stimme genau zur richtigen Zeit.
Die Europäische Union arbeitet derzeit an strengeren Effizienzstandards und Transparenzpflichten für Rechenzentren. Die Diskussion über den Ressourcenverbrauch digitaler Infrastruktur wird damit zu einer der zentralen Zukunftsfragen der Transformation. Madanis Forschung liefert dafür die Faktenbasis.
Seine Botschaft lässt sich auf einen einfachen Satz reduzieren: Jede digitale Innovation hat eine physische Realität. Wer die Zukunft gestalten will, muss deshalb nicht nur über Daten sprechen, sondern auch über Wasser, Energie und Rohstoffe.
Forerunners.Network stellt unregelmäßig Persönlichkeiten vor, die durch ihr Wirken Impulse für Nachhaltigkeit, Innovation und gesellschaftlichen Wandel setzen. Die Auswahl stellt keine politische oder werbliche Vereinnahmung dar, sondern dient der journalistischen Einordnung und Inspiration.




