New European Bauhaus Festival in Brüssel stellt gewohnte Werte in’s Eck.

Bild: © New European Bauhaus Festival
Abstraktes Muster aus blauen und gelben Formen

Bauen wird Kreislauffrage: Warum Europas Wohnbau nicht nur günstiger, sondern auch nachhaltiger und demokratischer werden muss.

Es beginnt mit einer scheinbar einfachen Reihenfolge: zuerst das Leben, dann die Räume, dann die Gebäude. „First life, then spaces, then buildings. The other way around never works“, lautet das Leitmotiv, mit dem das Festival des New European Bauhaus 2026 in Brüssel auftritt. Der Satz stammt vom dänischen Stadtplaner Jan Gehl und steht auf der offiziellen Festival-Seite der Europäischen Kommission. Er klingt poetisch, ist aber in Wahrheit ein Gegenentwurf zu vielem, was den europäischen Wohnbau über Jahrzehnte geprägt hat: erst Grundriss, dann Rendite, dann Nutzung – und erst am Ende die Frage, ob Menschen darin überhaupt gut leben können.

Vom 9. bis 13. Juni 2026 rückt die Europäische Kommission beim New European Bauhaus Festival in Brüssel genau diese Frage ins Zentrum. Unter dem Motto „Life. Spaces. Buildings.“ geht es um leistbares Wohnen, nachhaltige Baustoffe, zirkuläre Bauweisen, demokratische Beteiligung und neue Formen urbaner Resilienz. Die Meldung klingt zunächst wie ein klassischer EU-Termin. Tatsächlich steckt dahinter aber eine der zentralen Infrastrukturfragen der kommenden Jahre: Wie kann Europa bauen, ohne immer mehr Rohstoffe zu verbrauchen, immer mehr Abfall zu produzieren und Wohnen weiter zu verteuern?

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen brachte das bei ihrer Eröffnungsrede auf zwei Zahlen: „The built environment makes up 35% of Europe’s waste“ und verursache „12% of national emissions“. Daraus folgerte sie: „Circular buildings can make a huge difference, for communities and nature.“

Damit ist der Kern der neuen Baufrage benannt. Gebäude sind nicht nur Immobilien.

ie sind Materiallager, CO₂-Speicher oder CO₂-Schleudern, soziale Räume, Investitionsobjekte, Energieverbraucher und Identitätsorte zugleich. Wer heute baut, entscheidet nicht nur über Architektur, sondern über Ressourcenströme, Stadtklima, Leistbarkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt für Jahrzehnte.

Das New European Bauhaus versucht, diese Ebenen zusammenzubringen. Die Europäische Kommission beschreibt die Initiative als Versuch, den sauberen Wandel in die gebaute Umwelt zu übersetzen und den Alltag der Menschen zu verbessern. Das Festival soll zeigen, wie eine inklusive, nachhaltige und hochwertige gebaute Umwelt Gemeinschaft stärken, Resilienz erhöhen und Wettbewerbsfähigkeit fördern kann.

Genau darin liegt der Unterschied zu einem rein technischen Green-Building-Ansatz.

Es geht nicht nur um bessere Dämmwerte oder niedrigere Emissionen, so wichtig sie sind. Es geht um die Frage, ob der Wohnbau der Zukunft soziale und ökologische Logik miteinander verbindet. Leistbares Wohnen darf nicht gegen Nachhaltigkeit ausgespielt werden. Nachhaltiges Bauen darf nicht zum Premiumprodukt für wenige werden. Und Kreislaufwirtschaft darf nicht erst beim Abriss beginnen, sondern muss schon im Entwurf mitgedacht werden.

Der Rat der Europäischen Union hat diese Richtung bereits im Mai 2026 in einer Empfehlung zum New European Bauhaus beschrieben. Die Mitgliedstaaten sollen Nachhaltigkeit, Inklusion und Ästhetik stärker in nationale Politiken und Förderprogramme integrieren. Konkret genannt wird auch eine „circular and sustainable built environment“, also eine kreislauffähige und nachhaltige gebaute Umwelt, bei der Renovierung Vorrang vor Abriss hat und nachhaltige Materialien eingesetzt werden, um Umweltwirkungen zu reduzieren.

Der lineare Bauzyklus – Rohstoffe entnehmen, Gebäude errichten, Jahrzehnte nutzen, abreißen, entsorgen – passt nicht mehr zu einer Ökonomie, die ihre Ressourcen sichern und ihre Klimaziele erreichen will. – Urban Mining statt Wegwerfarchitektur wäre angesagt.

Auch das Festivalprogramm macht deutlich, dass es nicht nur um Architektur geht, sondern um ein neues Verhältnis von Politik, Planung und Bevölkerung.

Plakat New European Bauhaus Festival Brüssel 2026
Das Festival des New European Bauhaus kommt nach Brüssel. Vom 9. bis 13. Juni 2026 treffen sich Gestalterinnen und Gestalter des Wandels.

Ein Beispiel auf der Festival-Seite zeigt diese Logik im Kleinen: Eine geführte Tour zu „Peterbos 9“ in Brüssel zeigt, wie sozialer Wohnbau erneuert werden kann, ohne Bewohnerinnen und Bewohner zum Auszug zu zwingen. Die Kommission beschreibt es als Sanierung „without uprooting lives“ – ohne Leben zu entwurzeln. Genau darin liegt die soziale Dimension der Bauwende. Es reicht nicht, Gebäude klimafit zu machen. Sie müssen auch bewohnbar, leistbar und gemeinschaftsstiftend bleiben.

Bauen wird damit zur Kreislauffrage., zur Gerechtigkeitsfrage und zur Wettbewerbsfrage. Die Zukunft des Wohnens entsteht nicht allein aus Beton, Holz, Ziegel oder Stahl. Sie entsteht aus der Fähigkeit, Ressourcen, Räume und Menschen zusammenzudenken.

Oder, um mit Jan Gehl zu beginnen und zu enden: zuerst das Leben, dann die Räume, dann die Gebäude. Genau in dieser Reihenfolge muss Europas Bauwende gelingen.

Newsletter abonnieren

Kommt nur einmal pro Monat, aber dann richtig gut, mit frischen Videos, Podcasts & success stories