Landwirtschaft unter Druck: Was Österreichs Höfe jetzt wirklich leisten

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Nahaufnahme eines Hahns mit rotem Kamm

Die Landwirtschaftskammer Österreich legt ihren Jahresbericht 2025/26 vor. Hinter der politischen Botschaft steht eine größere Geschichte: Österreichs Land- und Forstwirtschaft steht zwischen geopolitischen Verwerfungen, Preisdruck, Klimarisiken, Strukturwandel – und der Frage, wie viel die Versorgungssicherheit uns in Österreich wert ist.

Österreichs Landwirtschaft ist in den vergangenen Jahren zu einem Spiegel für fast alle großen Krisen unserer Zeit geworden. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Energie- und Betriebsmittelkosten verteuert. Globale Lieferketten sind verletzlicher geworden. Handelskonflikte, neue Zölle und geopolitische Machtverschiebungen setzen Agrarmärkte unter Druck. Gleichzeitig verändert die Klimakrise die Produktionsbedingungen auf Feldern, Wiesen und in Wäldern. Und mitten in dieser Gemengelage wird seit 2025 wieder besonders emotional über Lebensmittelpreise diskutiert.

Dass bei all diesen Risikofaktoren die österreichische Landwirtschaft bemerkenswerte Ergebnisse produziert, spricht für die Qualität der Menschen, aber auch der Ausbildung und des technologischen Fortschrittes – aber auch für Kreativität, Ideenreichtum und Resilienz.

Der neue Jahresbericht der Landwirtschaftskammer Österreich trägt einen programmatischen Titel:

„Österreichs Land- und Forstwirtschaft in Zeiten geopolitischer Umbrüche und Krisen“. Präsident Josef Moosbrugger und Generalsekretär Ferdinand Lembacher zeichnen darin das Bild einer Branche, die zwischen höchsten Anforderungen und billigsten Preisen steht. Der zentrale Widerspruch: Österreichische Betriebe sollen nach hohen Umwelt-, Tierwohl-, Herkunfts- und Qualitätsstandards produzieren, gleichzeitig aber im Wettbewerb mit Ländern bestehen, in denen viele dieser Standards nicht gelten oder deutlich günstiger umzusetzen sind.

Das betrifft nicht nur die Bauernhöfe selbst. Landwirtschaft ist Teil eines größeren Systems: Sie sichert regionale Wertschöpfung, Arbeitsplätze, Kulturlandschaften& Ernährungssicherheit . Gerade die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie riskant es ist, zentrale Lebensgrundlagen auszulagern – Sicherheit an die USA, Energie an Russland, Rohstoffe an Asien und Lebensmittel zunehmend an globale Märkte. Versorgungssicherheit wird damit zu einer strategischen Frage.

Besonders deutlich wird das beim Thema Lebensmittelpreise.

Die Landwirtschaftskammer argumentiert, dass die öffentliche Debatte oft am falschen Punkt ansetzt. Lebensmittelpreise seien zwar sichtbar, aber nicht der Haupttreiber der Teuerung. Laut Jahresbericht machen Ernährung und alkoholfreie Getränke 2024/25 nur 11,6 Prozent der Haushaltsausgaben aus. Wohnen und Energie liegen mit 26,4 Prozent deutlich darüber, Verkehr mit 13,6 Prozent ebenfalls. Historisch betrachtet ist der Anteil der Ausgaben für Ernährung sogar massiv gesunken: Von 44,8 Prozent im Jahr 1954 auf 12,8 Prozent im Jahr 2024/25.

Wer macht den Preis? Der Bauer und die Bäuerin sind es nicht.

Das heißt nicht, dass Lebensmittel für Menschen mit geringem Einkommen billig wären. Aber es zeigt, dass die Frage komplexer ist. Zwischen dem Preis, den Konsumentinnen und Konsumenten zahlen, und dem, was am Hof ankommt, liegt eine lange Wertschöpfungskette. Besonders sichtbar wird das am Rohstoffkostenanteil: Bei einem Apfel beträgt der landwirtschaftliche Anteil am Verbraucherpreis laut Bericht 45 Prozent, bei einem Ei 58 Prozent, bei Rohmilch 34 Prozent. Bei einer Semmel sind es nur noch 3 Prozent, bei einem Schnitzel im Restaurant 2,3 Prozent. Die Landwirtschaft steht also oft im Zentrum der Kritik, obwohl ein großer Teil des Endpreises außerhalb des Hofes entsteht – in Verarbeitung, Handel, Energie, Logistik, Personal, Mieten und Dienstleistungen.

Parallel dazu sind die Produktionskosten der landwirtschaftlichen Betriebe in den vergangenen fünf Jahren um 37 Prozent gestiegen.

Diese Zahl ist zentral, weil sie erklärt, warum viele Betriebe trotz scheinbar hoher Lebensmittelpreise wirtschaftlich unter Druck stehen. Wenn Betriebsmittel, Energie, Arbeit, Maschinen, Finanzierung und Auflagen teurer werden, aber Erzeugerpreise volatil bleiben oder sinken, entsteht eine Schere, die besonders familiengeführte Betriebe belastet.

Am Getreidemarkt zeigt sich diese Spannung exemplarisch. Die Getreidefläche ohne Mais wurde nach einem bereits sehr niedrigen Niveau erneut reduziert und erreichte 2025 mit rund 504.000 Hektar ein neues Rekordtief. Starkregenereignisse im September 2024 machten vielerorts die Aussaat von Wintergerste, Roggen und Triticale unmöglich. Winterweizen konnte als später anbaubare Kultur zwar leicht zulegen, doch der langfristige Trend bleibt eindeutig: Der Ackerbau wird stärker wetterabhängig, risikoreicher und kostensensibler.

Mais hingegen profitierte vom verspäteten Saattermin: Körnermais legte um 13.039 Hektar auf rund 202.000 Hektar zu, Silomais erreichte mit über 90.000 Hektar einen neuen Höchststand.

Auch bei Alternativkulturen zeigen sich strukturelle Verschiebungen. Die Zuckerrübe fiel auf nur noch rund 25.000 Hektar zurück, unter anderem wegen der Schließung der Zuckerfabrik Leopoldsdorf und gesunkener Zuckerpreise. Raps wiederum liegt nach früheren Höchstständen von rund 60.000 Hektar nur noch knapp über 20.000 Hektar. Damit gehen nicht nur einzelne Kulturen zurück, sondern auch Optionen in der Fruchtfolge, regionale Verarbeitungsketten und agrarische Vielfalt.

Ein zweiter Schwerpunkt des Jahresberichts ist das Internationale Jahr der Bäuerin 2026.

Es rückt eine Gruppe in den Vordergrund, ohne die die Landwirtschaft nicht funktioniert, deren Leistung aber oft zu wenig sichtbar ist. In Österreich werden 35,7 Prozent der land- und forstwirtschaftlichen Betriebe von Frauen geführt. Damit liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld: Laut Jahresbericht führen in Litauen und Lettland jeweils 45 Prozent der Betriebe Frauen, in Rumänien 37 Prozent, in Österreich 35 Prozent und in Polen 34 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland sind es nur rund 11 Prozent.

Diese Zahlen zeigen, dass Frauen in Österreichs Landwirtschaft längst Verantwortung tragen – in Betriebsführung, Direktvermarktung, Diversifizierung, Bildung, Pflege, Familie, Ehrenamt und Interessenvertretung.

Pensionsschock:

Die Bäuerinnenorganisation vertritt rund 130.000 Frauen aus der Land- und Forstwirtschaft und dem ländlichen Raum. Gleichzeitig verweist der Bericht auf eine soziale Schieflage: Während die durchschnittliche monatliche Bruttopension in Österreich 2024 bei Männern 2.374 Euro und bei Frauen 1.409 Euro beträgt, liegt sie in der Landwirtschaft deutlich niedriger – bei 1.233 Euro für Männer und nur 813 Euro für Frauen. Gerade Care-Arbeit, unterbrochene Erwerbsbiografien und geringe Beitragsgrundlagen wirken bis ins Alter nach.

Das Internationale Jahr der Bäuerin ist daher mehr als ein symbolischer Anlass. Es ist eine Pflicht, über Zukunftsfähigkeit neu nachzudenken. Denn viele Innovationen entstehen genau dort, wo Höfe zusätzliche Standbeine entwickeln: Direktvermarktung, Urlaub am Bauernhof, Schule am Bauernhof, Green Care, regionale Verarbeitung, Bildungsangebote, neue Dienstleistungen. Bäuerinnen sind häufig die Treiberinnen dieser Diversifizierung – und damit auch der wirtschaftlichen Resilienz im ländlichen Raum.

Die größere Frage hinter dem Bericht lautet: Wie viel Eigenständigkeit will Österreich bei Lebensmitteln behalten?

Der Selbstversorgungsgrad ist je nach Produkt sehr unterschiedlich. Bei Fleisch liegt Österreich bei rund 107 Prozent, bei Eiern bei 87 Prozent, bei Kartoffeln bei 82 Prozent und bei Getreide insgesamt bei 85 Prozent. Bei Speisegetreide ist der Wert mit 280 Prozent besonders hoch. Deutlich schwächer ist die Versorgung bei Obst mit 38 Prozent, Honig mit 58 Prozent und Fisch mit nur 8 Prozent.

Auch die Struktur der Betriebe verändert sich seit Jahrzehnten.

1951 gab es in Österreich noch rund 433.000 landwirtschaftliche Betriebe. 2023 waren es 152.660. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Gesamtfläche pro Betrieb auf 46,5 Hektar gestiegen, die landwirtschaftlich genutzte Fläche auf 25,6 Hektar. Österreich bleibt damit im EU-Vergleich kleinstrukturiert: Tschechien liegt bei durchschnittlich 106,2 Hektar, die Slowakei bei 103,2 Hektar, Estland bei 91,4 Hektar, Dänemark bei 83,9 Hektar und Deutschland bei 65 Hektar. Österreich kommt auf 25,5 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche pro Betrieb.

Diese Kleinstruktur ist Herausforderung und Stärke zugleich. Sie macht Produktion teurer und weniger skalierbar. Sie erhält aber auch Landschaften, regionale Vielfalt, Tourismusqualität, Nahversorgung und soziale Strukturen.

Genau darin liegt der Forerunners-Blick auf den Jahresbericht: Landwirtschaft ist nicht nur eine Branche, die Lebensmittel produziert. Sie ist Infrastruktur. Sie ist Klimaanpassung. Sie ist regionale Wirtschaft. Sie ist sozialer Zusammenhalt. Und sie ist eine strategische Reserve in einer Welt, in der Sicherheit nicht mehr selbstverständlich ist.

Die wichtigsten Zahlen aus dem Jahresbericht

Österreichs Haushalte geben 2024/25 11,6 Prozent ihrer Ausgaben für Ernährung und alkoholfreie Getränke aus. 1954 waren es noch 44,8 Prozent. Wohnen und Energie liegen heute bei 26,4 Prozent, Verkehr bei 13,6 Prozent, Freizeit, Sport und Kultur bei 11,4 Prozent.

Die Produktionskosten landwirtschaftlicher Betriebe sind in den vergangenen fünf Jahren um 37 Prozent gestiegen. Gleichzeitig beträgt der landwirtschaftliche Rohstoffanteil am Lebensmittelpreis im Durchschnitt oft nur einen kleinen Teil des Endpreises: beim Apfel 45 Prozent, beim Ei 58 Prozent, bei Rohmilch 34 Prozent, bei der Semmel 3 Prozent und beim Schnitzel im Restaurant 2,3 Prozent.

Der Selbstversorgungsgrad Österreichs liegt bei Fleisch bei rund 107 Prozent, bei Eiern bei 87 Prozent, bei Getreide insgesamt bei 85 Prozent, bei Kartoffeln bei 82 Prozent, bei Sojabohnen inklusive Futter bei 77 Prozent, bei Honig bei 58 Prozent, bei Obst bei 38 Prozent und bei Fisch bei nur 8 Prozent. Bei Speisegetreide erreicht Österreich 280 Prozent.

Die Getreidefläche ohne Mais fiel 2025 auf rund 504.000 Hektar und damit auf ein Rekordtief. Körnermais stieg dagegen um 13.039 Hektar auf rund 202.000 Hektar, Silomais erreichte mit über 90.000 Hektar einen neuen Höchststand. Die Zuckerrübe sank auf rund 25.000 Hektar, Raps liegt nur noch knapp über 20.000 Hektar.

35,7 Prozent der land- und forstwirtschaftlichen Betriebe in Österreich werden von Frauen geführt. Damit liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld: Litauen und Lettland kommen auf jeweils 45 Prozent, Rumänien auf 37 Prozent, Österreich auf 35 Prozent und Polen auf 34 Prozent. In Deutschland werden nur rund 11 Prozent der Betriebe von Frauen geführt.

Die Bäuerinnenorganisation vertritt rund 130.000 Frauen aus der Land- und Forstwirtschaft und dem ländlichen Raum. In den Vollversammlungen der Landwirtschaftskammern liegt der Frauenanteil inzwischen bei durchschnittlich 25 Prozent.

Die Pensionen zeigen eine deutliche soziale Schieflage: Die durchschnittliche monatliche Bruttopension in Österreich lag 2024 bei 2.374 Euro für Männer und 1.409 Euro für Frauen. In der Landwirtschaft lagen die Werte 2023 bei 1.233 Euro für Männer und 813 Euro für Frauen.

1951 gab es in Österreich rund 433.000 landwirtschaftliche Betriebe. 2023 waren es 152.660. Die durchschnittliche Gesamtfläche je Betrieb stieg auf 46,5 Hektar, die landwirtschaftlich genutzte Fläche auf 25,6 Hektar. Im EU-Vergleich bleibt Österreich kleinstrukturiert: Tschechien kommt auf 106,2 Hektar, die Slowakei auf 103,2 Hektar, Deutschland auf 65 Hektar, Österreich auf 25,5 Hektar.

2024 waren in Österreich insgesamt 4,48 Millionen Menschen erwerbstätig. Davon entfielen 2,8 Prozent auf die Landwirtschaft, 24,8 Prozent auf den Produktionsbereich und 72,3 Prozent auf Dienstleistungen.

Der landwirtschaftliche Produktionswert stieg von 6,949 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf vorläufig 10,979 Milliarden Euro im Jahr 2025. Gleichzeitig sank der landwirtschaftliche Arbeitseinsatz im Index von 101,8 auf 94,3. Mehr Wertschöpfung entsteht also mit weniger Arbeitseinsatz – ein Hinweis auf Produktivität, aber auch auf Strukturwandel und steigenden Druck auf die verbleibenden Betriebe.

Forerunners Network resümiert:

Der Jahresbericht zeigt bei aller Krisendiagnose vor allem eines: Österreichs Landwirtschaft ist kein Auslaufmodell, sondern ein Zukunfts & Resilienzsystem. Sie verbindet Versorgungssicherheit mit regionaler Wertschöpfung, Qualität mit Verantwortung und Tradition mit Innovation. Gerade die Zahlen zu Selbstversorgung, Betriebsstruktur und Bäuerinnen machen sichtbar, wie viel gesellschaftliche Leistung auf den Höfen entsteht.
Wer Österreichs Landwirtschaft stärkt, beim Kauf der Produkte, bei der Bevorzugung regionaler Lieferanten oder oder beim politischen Schutz der Bäuerinnen und Bauern – der investiert in ein lebenswertes und krisenfähiges Österreich.

Der Jahresbericht steht unter diesem Link online zur Verfügung: www.lko.at/publikationen bzw. www.lko.at/jahresbericht_2025.

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