Mehr als 100 Jahre Gemeindebau: Wien denkt sein Erfolgsmodell weiter

Ein gemeinsames Wohn-Ticket und ein neues Bonuspunkte-System sollen den Zugang zu leistbarem Wohnen einfacher und treffsicherer machen. Wie sich das Wiener Modell zugleich baulich weiterentwickelt, zeigt der neue Sabine-Oberhauser-Hof in Hietzing. Lesezeit: ca. 4 Minuten Eine leistbare Wohnung gibt Menschen die Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten: eine Familie zu gründen, eine Ausbildung zu beginnen oder […]

Vier Personen stehen vor einer Informationstafel zum Sabine-Oberhauser-Hof in Wien bei sonnigem Wetter.
Bild (v.l.n.r.) WIGEBA-Direktor Paul Steurer, Gesundheits- und Sozialministerin Korinna Schumann, Witwer Gerold Oberhauser und Frauen- und Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch Fotocredit: Stadt Wien/Martin Votava
Nachricht28.09.2026

Ein gemeinsames Wohn-Ticket und ein neues Bonuspunkte-System sollen den Zugang zu leistbarem Wohnen einfacher und treffsicherer machen. Wie sich das Wiener Modell zugleich baulich weiterentwickelt, zeigt der neue Sabine-Oberhauser-Hof in Hietzing.

Lesezeit: ca. 4 Minuten

Eine leistbare Wohnung gibt Menschen die Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten: eine Familie zu gründen, eine Ausbildung zu beginnen oder nach einer Trennung neu anzufangen. Auf dieser sozialen Bedeutung des Wohnens beruht die mehr als 100-jährige Geschichte des Wiener Gemeindebaus. Dass diese Geschichte weitergeht, entscheidet sich auch daran, wie gut das Modell auf veränderte Lebenssituationen reagiert.

Mit der Wohnungsvergabe NEU setzt Wien nun beim Zugang an. Ein gemeinsames Wiener Wohn-Ticket für Gemeindewohnungen und geförderte Wohnungen sowie ein Bonuspunkte-System sollen die Wohnungssuche vereinfachen und Unterstützung stärker am tatsächlichen Bedarf ausrichten. Parallel entstehen neue Gemeindebauten, die leistbares Wohnen mit zeitgemäßer Architektur, Energieeffizienz und gemeinschaftlich nutzbaren Freiräumen verbinden.

Die Lebenssituation zählt

Das Kernstück der neuen Vergabe ist die Umstellung von einzelnen, starren Wohnbedarfsgründen auf ein System, das unterschiedliche Belastungen und Bedürfnisse gemeinsam berücksichtigt. Wer mehrere Herausforderungen bewältigen muss, soll sich damit besser in der Vergabe wiederfinden.

Dazu gehören etwa Alleinerziehende, Menschen mit Pflegeverantwortung oder Haushalte, deren Wohnung zu klein geworden ist. Auch hohe Wohnkosten, Aus- und Weiterbildung, eine Trennung oder ein drohender Wohnungsverlust fließen ein. Die jeweiligen Kriterien werden mit Bonuspunkten bewertet. Je höher deren Summe, desto höher die Reihung bei der Wohnungsvergabe.

Wie die Gewichtung aussieht, zeigen einige Beispiele: Wohnbedarf aufgrund häuslicher Gewalt wird mit 100 Punkten berücksichtigt. Für chronische Mobilitätseinschränkungen oder Pflege zu Hause sind jeweils bis zu 100 Punkte vorgesehen, für Alleinerziehende und drohenden Wohnungsverlust jeweils bis zu 80. Überbelag und hohe Wohnkosten werden mit jeweils 50 Punkten bewertet, Aus- und Weiterbildung mit 20.

Damit lässt sich die Dringlichkeit einer Wohnungssuche differenzierter abbilden. Zugleich machen klar ausgewiesene Kriterien nachvollziehbarer, welche Lebensumstände die Reihung beeinflussen. Ob die Reform ihre Ziele erreicht, wird sich an der praktischen Vergabe zeigen; eine laufende Evaluierung ist vorgesehen.

Ein gemeinsamer Zugang, bewährte Sicherheit

Erstmals werden Gemeindewohnungen und geförderte Wohnungen über ein gemeinsames Wiener Wohn-Ticket vergeben. Das soll den Zugang zum sozialen Wohnbau übersichtlicher machen. Bewährte Elemente bleiben bestehen: der Wien-Bonus für langjährige Wienerinnen und Wiener ebenso wie die unbefristeten Mietverträge im Gemeindebau.

Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch beschreibt den Anspruch so: „Mit dem neuen Modell bewahren wir die Stärken des international vielfach ausgezeichneten Wiener Wohnbaumodells und entwickeln es gleichzeitig für das 21. Jahrhundert weiter.“

Die erste Bilanz zeigt jedenfalls großes Interesse. Laut der vorliegenden Presseaussendung haben mehr als 38.500 Haushalte ein Konto angelegt und rund 32.500 Wohnanträge eingebracht. Mehr als 13.500 Wiener Wohn-Tickets wurden bereits ausgestellt. Dazu kamen über 12.500 Beratungsgespräche der Wohnberatung Wien.

Bei den vergebenen Bonuspunkten liegt der Wien-Bonus vorne, gefolgt von Überbelag und der Kategorie Jungwienerinnen und Jungwiener. Aus- und Weiterbildung liegt bereits auf Platz fünf, unmittelbar vor den Alleinerziehenden. Die Zahlen zeigen, wie unterschiedlich die Ausgangslagen der Wohnungssuchenden sind – und wie wichtig ein Vergabesystem ist, das diese Vielfalt erfassen kann.

In Hietzing bekommt die Weiterentwicklung eine Adresse

Wie sich der Gemeindebau auch räumlich verändert, lässt sich am Montecuccoliplatz in Hietzing sehen. Der dortige Gemeindebau NEU in der Opitzgasse 29A trägt seit seiner Benennung am 25. September den Namen Sabine-Oberhauser-Hof.

Zwischen 2023 und 2025 entstanden auf einer bereits versiegelten Fläche 62 Gemeindewohnungen auf sechs Geschoßen. Alle Wohnungen sind barrierefrei erreichbar und verfügen über Balkone, Loggien oder Eigengärten. Ein begrünter Innenhof bietet Spiel- und Aufenthaltsbereiche, ein Gemeinschaftsdachgarten ermöglicht Urban Gardening. Begegnungszonen schaffen Platz für nachbarschaftlichen Austausch.

Der Bau erfüllt den Niedrigstenergiestandard und nutzt Fernwärme, Photovoltaik und Wärmedämmung. Er gehört zum Programm „Gemeindewohnungen NEU“, mit dem Wien seit 2015 seine Tradition des kommunalen Wohnbaus fortschreibt.

Die Namensgeberin passt zum sozialen Anspruch des Hauses: Sabine Oberhauser, Ärztin, Gewerkschafterin sowie Gesundheits- und Frauenministerin, setzte sich für Gleichstellung, Arbeitnehmerrechte und ein solidarisches Gesundheitswesen ein. Mit Hietzing verband sie auch ihr Familienleben.

Zukunft entsteht durch Weiterdenken

Die neue Vergabemethodik und der Sabine-Oberhauser-Hof stehen für zwei Aufgaben derselben Wohnungspolitik: Wohnraum schaffen, der heutigen Anforderungen entspricht, und den Zugang so gestalten, dass unterschiedliche Lebenslagen angemessen berücksichtigt werden.

Nach mehr als 100 Jahren wird das Erfolgsmodell Gemeindebau damit weitergeschrieben. Seine soziale Idee bleibt aktuell. Wie sie umgesetzt wird, muss sich mit den Menschen und ihren Bedürfnissen verändern – von der Pflege zu Hause über neue Familienkonstellationen bis zu energieeffizienten Gebäuden und lebendigen Nachbarschaften.

Bild(v.l.n.r.) WIGEBA-Direktor Paul Steurer, Gesundheits- und Sozialministerin Korinna Schumann, Witwer Gerold Oberhauser und Frauen- und Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch

Fotocredit: Stadt Wien/Martin Votava

Kontakt und Kanäle

Mit der Redaktion in Verbindung bleiben.