Milliardenfonds soll tropische Wälder finanzieren
Mit 125 Milliarden Dollar will die Tropical Forest Forever Facility den Erhalt tropischer Wälder zu einem berechenbaren Geschäftsmodell machen. 20 Prozent der Zahlungen sind für indigene Gemeinschaften vorgesehen. Doch noch fehlt dem Fonds entscheidendes Startkapital. Lesezeit: ca. 5 Minuten, Quelle Reuters Ein Wald, der abgeholzt wird, besitzt einen unmittelbar sichtbaren wirtschaftlichen Wert. Sein Holz kann […]

Mit 125 Milliarden Dollar will die Tropical Forest Forever Facility den Erhalt tropischer Wälder zu einem berechenbaren Geschäftsmodell machen. 20 Prozent der Zahlungen sind für indigene Gemeinschaften vorgesehen. Doch noch fehlt dem Fonds entscheidendes Startkapital.
Lesezeit: ca. 5 Minuten, Quelle Reuters
Ein Wald, der abgeholzt wird, besitzt einen unmittelbar sichtbaren wirtschaftlichen Wert. Sein Holz kann verkauft, die Fläche anschließend für Landwirtschaft, Bergbau oder Infrastruktur genutzt werden. Ein Wald, der stehen bleibt, schützt zwar Klima, Wasserhaushalt, Böden und Artenvielfalt – in den klassischen Bilanzen bringt er seinen Eigentümern und den betroffenen Staaten jedoch kaum laufende Einnahmen.
Genau dieses wirtschaftliche Ungleichgewicht will die Tropical Forest Forever Facility, kurz TFFF, verändern. Der von Brasilien bei der Weltklimakonferenz COP30 gestartete Fonds soll Länder künftig dafür bezahlen, dass sie ihre tropischen Wälder langfristig erhalten. Nicht erst die Wiederaufforstung und nicht nur die Vermeidung einzelner CO₂-Emissionen sollen honoriert werden, sondern der bestehende, lebende Wald.
Das Ziel ist gewaltig: Insgesamt sollen 125 Milliarden Dollar mobilisiert werden. Aus den Erträgen dieses Kapitals erhalten teilnehmende Staaten voraussichtlich rund vier Dollar pro Jahr für jeden nachweislich erhaltenen Hektar Wald. Abholzung und Schädigungen durch Feuer verringern die Zahlungen. Damit würde der Schutz des Waldes erstmals zu einer dauerhaften Einnahmequelle – und nicht nur zu einem zeitlich begrenzten Förderprojekt.
Öffentliches Geld soll privates Kapital bewegen
Die Konstruktion folgt dem Prinzip der Mischfinanzierung. Regierungen und philanthropische Organisationen sollen zunächst 25 Milliarden Dollar zu günstigen Bedingungen bereitstellen und einen wesentlichen Teil des Risikos übernehmen. Dieses Sicherheitsnetz soll weitere 100 Milliarden Dollar von privaten und institutionellen Investoren mobilisieren.
Das gesamte Kapital wird anschließend unter anderem in Staats- und Unternehmensanleihen investiert. Aus der Differenz zwischen den erwirtschafteten Erträgen und den Zahlungen an die Kapitalgeber soll der Waldschutz finanziert werden. Die Weltbank übernimmt die Verwaltung des dazugehörigen Tropical Forest Investment Fund. Die rechtlich getrennte TFFF soll die Zahlungen an die teilnehmenden Staaten koordinieren und die Einhaltung der Vorgaben überwachen.
Der Ansatz unterscheidet sich damit wesentlich von vielen bisherigen Klimaschutzinstrumenten. Während CO₂-Märkte überwiegend vermiedene oder gebundene Emissionen bewerten, will die TFFF eine unmittelbar verständliche Größe finanzieren: einen Hektar tropischen Wald, der erhalten bleibt.
Das ist auch eine Reaktion auf ernüchternde Zahlen. Im Jahr 2025 gingen weltweit rund 4,3 Millionen Hektar tropischer Primärwald verloren. Das entspricht mehr als elf Fußballfeldern pro Minute. Der jährliche Verlust lag damit um 46 Prozent höher als noch vor einem Jahrzehnt. Trotz zahlreicher internationaler Programme ist es bisher nicht gelungen, die wirtschaftlichen Anreize für Entwaldung dauerhaft umzukehren.
20 Prozent für indigene Gemeinschaften
Zu den wichtigsten Regeln des Fonds gehört, dass mindestens 20 Prozent der Zahlungen eines teilnehmenden Staates an indigene Völker und lokale Gemeinschaften weitergegeben werden müssen. Diese Gruppen verwalten rund ein Drittel der weltweit noch vorhandenen intakten Wälder, verfügen aber häufig weder über ausreichende finanzielle Mittel noch über gesicherte Landrechte.
Die direkte Beteiligung ist deshalb mehr als ein sozialer Zusatz. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass der Fonds funktionieren kann. Wo indigene Gemeinschaften tatsächlich über ihr Land entscheiden und vom Schutz des Waldes wirtschaftlich profitieren, sinkt der Druck, Flächen für kurzfristige Einnahmen freizugeben.
Vertreter indigener Organisationen begrüßen den vorgesehenen Anteil, verlangen jedoch stärkere Mitspracherechte bei der Kontrolle und Verteilung der Gelder. Entscheidend wird sein, ob die Mittel tatsächlich bei den Menschen ankommen, die den Wald vor Ort schützen – oder in nationalen Verwaltungen und komplexen Finanzstrukturen versickern.
Die entscheidenden Milliarden fehlen noch
Mehr als 50 Staaten haben das Modell politisch unterstützt, 19 Länder gelten als mögliche staatliche Kapitalgeber. Verbindliche Zusagen kamen bisher jedoch nur von einer kleineren Gruppe, darunter Brasilien, Indonesien, Frankreich, Deutschland, Norwegen und Großbritannien. Auch Luxemburg, die Naturschutzorganisation The Nature Conservancy und die australische Minderoo Foundation beteiligen sich.
Insgesamt stehen Zusagen von rund 7,3 Milliarden Dollar im Raum. Bis Ende 2026 muss der Fonds jedoch die Marke von zehn Milliarden Dollar erreichen. Davon hängt auch der vollständige Beitrag Norwegens in Höhe von drei Milliarden Dollar ab. Großbritannien sagte Anfang September einen Kredit über 400 Millionen Pfund zu.
Der Schritt von 7,3 auf zehn Milliarden Dollar entscheidet somit darüber, ob das Modell genügend öffentliches Fundament erhält, um privates Kapital in der geplanten Größenordnung anzuziehen. Die langfristige Zielsumme von 125 Milliarden Dollar liegt noch weit entfernt.
Wer trägt das Risiko?
Kritiker sehen in der komplizierten Finanzarchitektur eine Schwachstelle. Staaten und philanthropische Organisationen sollen mögliche Anfangsverluste auffangen, damit private Investoren ein vergleichsweise gut abgesichertes Produkt erhalten. Damit stellt sich die Frage, ob öffentliches Geld in erster Linie den Wald schützt oder zugleich die Renditen privater Kapitalgeber absichert.
Auch die Veranlagung in höher verzinste Staats- und Unternehmensanleihen birgt Risiken. Politische Krisen, Zahlungsausfälle oder schwankende Finanzmärkte könnten jene Erträge schmälern, aus denen später der Waldschutz bezahlt werden soll. Eine weitere Reuters-Analyse stellt deshalb zur Diskussion, ob ein kleinerer und transparenterer Fonds mit direkten staatlichen Zuschüssen langfristig stabiler wäre.
Die TFFF muss also zwei schwierige Versprechen gleichzeitig erfüllen: Sie muss für internationale Investoren attraktiv sein und zugleich transparent nachweisen, dass ihr Geld tatsächlich Wälder, indigene Gemeinschaften und lokale Lebensgrundlagen schützt.
Forerunners-Fazit
Die Tropical Forest Forever Facility macht eine unbequeme ökonomische Wahrheit sichtbar: Solange die Zerstörung eines Waldes mehr einbringt als sein Schutz, werden Appelle allein die Entwaldung nicht stoppen.
Ob daraus ein tragfähiges Modell wird, hängt nun weniger von der Größe der angekündigten 125 Milliarden Dollar ab als von drei konkreten Fragen: Kommt das notwendige Startkapital zusammen? Lassen sich Schutz und Waldverlust zuverlässig kontrollieren? Und erreicht ein fairer Anteil des Geldes tatsächlich jene Menschen, die den Wald erhalten?
Gelingt das, könnte die TFFF einen entscheidenden Perspektivwechsel einleiten: Ein stehender Wald wäre dann nicht länger nur Naturkapital auf dem Papier, sondern eine Leistung, für die die Weltgemeinschaft dauerhaft bezahlt.
Bld aus Pexels: Rosa Stone
