Eine Pipeline soll Westafrika verbinden – und Europa mitversorgen

20.07.2026
Bild: © UN, Public domain, via Wikimedia Commons
Politische Karte von Westafrika mit Ländergrenzen

Die geplante African Atlantic Gas Pipeline von Nigeria nach Marokko ist weit mehr als ein Energieprojekt. Sie soll 13 westafrikanische Staaten miteinander verbinden, regionale Industrie ermöglichen und zugleich einen neuen Lieferweg nach Europa schaffen. Doch Kosten, politische Risiken und die Klimafrage bleiben gewaltig.

Ein Energiekorridor entlang der Atlantikküste

Westafrika treibt eines der größten Infrastrukturprojekte des Kontinents voran. Die Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS hat ihre Unterstützung für die geplante Gasleitung zwischen Nigeria und Marokko in einem neuen Abkommen bekräftigt. Damit rückt ein Vorhaben näher, das seit rund zehn Jahren vorbereitet wird und mittlerweile unter dem Namen African Atlantic Gas Pipeline, kurz AAGP, geführt wird.

Die Leitung soll Erdgas aus Nigeria entlang der westafrikanischen Atlantikküste bis nach Marokko transportieren. Nach den aktuellen Planungen könnte das gesamte Netz rund 6.800 bis 7.000 Kilometer lang werden. Rund 5.100 Kilometer davon sollen offshore verlaufen. Neben den Küstenstaaten könnten über Abzweigungen auch die Binnenländer Burkina Faso, Mali und Niger angebunden werden.

Die geplante Kapazität liegt bei bis zu 30 Milliarden Kubikmetern Erdgas pro Jahr. Etwa 15 Milliarden Kubikmeter sollen für Marokko und mögliche Lieferungen nach Europa zur Verfügung stehen. Dafür könnte die bestehende Leitungsverbindung zwischen Marokko und Spanien genutzt werden.

Nicht nur ein Exportprojekt

Nigeria und Marokko präsentieren die Pipeline nicht ausschließlich als neuen Exportkanal. Ein erheblicher Teil des Gases soll in den beteiligten afrikanischen Staaten bleiben. Dort könnte es zur Stromerzeugung, für industrielle Prozesse, zur Herstellung von Dünger und als Ersatz für emissionsintensivere Brennstoffe eingesetzt werden.

Nach bisherigen Projektangaben ist ungefähr die Hälfte der Transportkapazität für regionale und nationale Märkte vorgesehen. Damit könnte die Pipeline Ländern zugutekommen, in denen Unternehmen und Haushalte weiterhin unter unzuverlässiger oder fehlender Energieversorgung leiden.

Die ECOWAS sieht in grenzüberschreitender Infrastruktur einen wichtigen Hebel für wirtschaftliche Integration. Die Organisation fordert deshalb einen regionalen Infrastrukturfonds sowie mehr öffentlich-private Partnerschaften für widerstandsfähige, inklusive und beschäftigungswirksame Projekte.

Europa gewinnt eine weitere Option

Für Europa wäre die Pipeline eine zusätzliche Möglichkeit, Gasquellen und Transportrouten zu diversifizieren. Der Anschluss an das marokkanische Netz könnte Lieferungen über die Straße von Gibraltar nach Spanien ermöglichen.

Allerdings wäre das Projekt keine kurzfristige Antwort auf Europas Energiebedarf. Allein die Dimension macht eine jahrelange Bauzeit wahrscheinlich. Frühere Schätzungen gingen von Investitionen zwischen 20 und 26 Milliarden Euro beziehungsweise rund 25 Milliarden US-Dollar aus. Ein endgültiges zwischenstaatliches Abkommen und verbindliche Finanzierungsentscheidungen stehen weiterhin aus.

Hinzu kommen politische und sicherheitspolitische Risiken. Die Leitung müsste zahlreiche Hoheitsgebiete passieren. Unterschiedliche Rechtsordnungen, Regierungswechsel, regionale Konflikte und die Finanzierung einzelner Abschnitte könnten den Zeitplan beeinflussen.

Die offene Klimafrage

Auch klimapolitisch bleibt die Pipeline umstritten. Die Projektpartner argumentieren, Erdgas könne Kohle und Öl teilweise ersetzen und damit als Übergangsenergie dienen. Kritiker halten dagegen, dass eine Milliardeninvestition in fossile Infrastruktur Abhängigkeiten für Jahrzehnte festschreiben könnte.

Entscheidend wird deshalb sein, ob die Leitung tatsächlich regionale Energiearmut reduziert und wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht – oder ob sie vor allem dem Export dient. Ebenso wichtig sind strenge Regeln gegen Methanverluste, transparente Verträge und eine Planung, die den Ausbau erneuerbarer Energien nicht verdrängt.

Die African Atlantic Gas Pipeline könnte Westafrika infrastrukturell näher zusammenführen. Zu einem echten Forerunner-Projekt wird sie aber erst, wenn die Menschen entlang der Route mindestens ebenso stark profitieren wie die Abnehmer am Ende der Leitung.

Quellen

Reuters, 19. Juli 2026; ECOWAS Commission: Ministertreffen und Projektinformationen zur African Atlantic Gas Pipeline; ECOWAS Regional Forum on Public-Private Partnerships; marokkanische Rohstoff- und Energieagentur ONHYM; African Business; Universität Navarra – Global Affairs; Reuters-Projektbericht vom 13. April 2026.

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