PodcastForerunners Network Audio

Gespräche und Stimmen zu nachhaltigem Wirtschaften, Innovation und gesellschaftlichem Wandel.

Alle Podcasts

Wenn Nachhaltigkeit zur Checkliste wird, bleibt Verantwortung auf der Strecke

Regeln, Berichte und ESG-Kriterien können Unternehmen zu Veränderungen bewegen. Sie können aber auch zum Ausweichmanöver werden. Unternehmensethikerin Gabriele Faber-Wiener erklärt, warum nachhaltige Wirtschaft nicht beim Abhaken von Vorgaben beginnt, sondern bei einer unbequemen Frage: Welche Folgen hat das eigene Geschäft für die Gesellschaft?

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Podigee. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen
Podcast07.12.2022

Ein Unternehmen erfüllt alle Vorgaben, veröffentlicht einen Nachhaltigkeitsbericht und setzt mehrere Projekte um. Hat es damit Verantwortung übernommen? Für Gabriele Faber-Wiener ist die Antwort keineswegs automatisch ja. Die Expertin für Nachhaltigkeit, CSR und Unternehmensethik warnt vor einem Zugang, der korrekt dokumentierte Aktivität mit verantwortlichem Wirtschaften verwechselt.

Ihre Skepsis kommt aus der Praxis. Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl begann Faber-Wiener mit ehrenamtlichem Engagement, arbeitete später unter anderem bei Greenpeace und im NGO-Bereich und wechselte schließlich in die Beratung und Lehre. Dort begegnete ihr früh ein bezeichnender Wunsch: Unternehmen wollten ein CSR-Projekt, ohne am Kern ihres Geschäfts viel verändern zu müssen. Kommunikation sollte Verantwortung sichtbar machen, noch bevor sie organisatorisch verankert war.

Die 2022 veröffentlichte Podcastfolge kreist deshalb um eine Frage, die hinter Abkürzungen wie CSR oder ESG leicht verschwindet: Was heißt es für ein Unternehmen tatsächlich, Verantwortung zu übernehmen?

Gesetzestreue ist nur die Untergrenze

Verantwortung ist für Faber-Wiener ein universelles ethisches Prinzip. Darin steckt für sie das Wort „Antwort“: Menschen und Organisationen müssen auf Probleme und auf die Folgen ihres Handelns reagieren. Diese Verantwortung bestehe unabhängig davon, wie weit gesetzliche Regeln reichen. Gesetze einzuhalten sei notwendig, aber keine ausreichende Antwort auf alle gesellschaftlichen Auswirkungen eines Geschäftsmodells.

Für Unternehmen verdichtet sie den Gedanken zu einer einfachen Arbeitsdefinition: Sie tragen Verantwortung für ihre positiven und negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Positive Wirkungen sollen gestärkt, negative möglichst beseitigt werden. Das klingt überschaubar, führt aber rasch an den Kern des Geschäfts. Wer die Folgen ernst nimmt, muss unter Umständen Prozesse, Produkte oder das Geschäftsmodell selbst verändern.

Genau deshalb ist der Begriff anspruchsvoller als ein einzelnes Nachhaltigkeitsprojekt. Ein Projekt kann neben dem Tagesgeschäft laufen. Verantwortung stellt dagegen die Frage, ob dieses Tagesgeschäft in seiner bestehenden Form vertretbar und zukunftsfähig ist.

ESG kann Orientierung geben – oder Denken ersetzen

Regeln und Standards lehnt Faber-Wiener nicht ab. Sie sieht jedoch die Gefahr, dass Unternehmen sie rein als Compliance-Aufgabe behandeln: Katalog öffnen, Punkte abarbeiten, Häkchen setzen. In diesem Modus werden Normen zwar bedient, die zugrunde liegenden Entscheidungen aber nicht ernsthaft hinterfragt.

Ihre Kritik richtet sich damit nicht gegen ESG an sich, sondern gegen die Verkürzung auf eine technische Übung. Schon die Begriffe seien aufschlussreich: Environmental, Social und Governance benennen Handlungsfelder, während das Wort Verantwortung – anders als bei Corporate Social Responsibility – nicht mehr ausdrücklich vorkommt. Ein Rahmen könne helfen, setze dem Denken aber zugleich Grenzen.

Problematisch wird es vor allem dann, wenn zwei getrennte Welten entstehen: hier Gewinn, Produkte und „hartes“ Geschäft, dort Nachhaltigkeit, Ethik und Verantwortung. In Krisenzeiten lässt sich die zweite Welt dann leicht vertagen. Faber-Wiener plädiert für das Gegenteil. Wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Wirkung müssten gemeinsam gedacht werden. Erst daraus könnten Produkte entstehen, die nicht nur aktuellen Vorgaben entsprechen, sondern auch unter künftigen Bedingungen bestehen.

Haltung und Reflexion müssen vor der Handlung kommen

Als Gegenmodell zum bloßen Aktionismus formuliert Faber-Wiener drei Säulen: Haltung, Reflexion und Handlung. Die Reihenfolge ist entscheidend. Am Beginn steht die Bereitschaft, die eigene Rolle und den Zweck des Unternehmens zu prüfen. Danach braucht es einen ernsthaften Reflexionsprozess, der auch kritische Stimmen einbezieht. Erst daraus sollen konkrete Maßnahmen entstehen.

In der Praxis, so ihre Beobachtung zum Zeitpunkt der Aufnahme, dominiere jedoch häufig die dritte Säule. Nachhaltigkeitsberichte zählten auf, was ein Unternehmen bereits tue, und stellten diese Aktivitäten möglichst positiv dar. Begründungen, Zweifel und Selbstkritik blieben wesentlich seltener sichtbar. Eine Untersuchung mit Studierenden stütze diesen Befund: In den analysierten österreichischen Berichten, die für einen Reporting Award eingereicht worden waren, sei Reflexion nur in sechs Berichten vorgekommen.

Die Zahl ist weniger als Rangliste interessant denn als Hinweis auf eine Leerstelle. Wer nur Handlungen dokumentiert, zeigt noch nicht, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden, welche Zielkonflikte bestehen oder wo das eigene Unternehmen negative Folgen verursacht. In Faber-Wieners Modell reicht es deshalb nicht, Erfolge zu sammeln. Ein Bericht sollte auch erkennen lassen, wie das Unternehmen zu seinen Prioritäten kommt.

Gerade soziale Verantwortung entzieht sich einfachen Kennzahlen

Bei Umweltwirkungen gebe es trotz aller Komplexität inzwischen vergleichsweise weit entwickelte Kriterien, sagt Faber-Wiener. Schon dort reicht der Blick über die eigene Produktion hinaus: Auch vor- und nachgelagerte Auswirkungen sowie die Nutzung eines Produkts müssen berücksichtigt werden. Bei sozialen Fragen und guter Unternehmensführung wird die Bewertung noch schwieriger.

Wie lässt sich verantwortungsvolle Führung feststellen? Eine lange Betriebszugehörigkeit allein sagt wenig darüber aus, ob Beschäftigte motiviert sind oder innerlich bereits gekündigt haben. Leadership, Unternehmenskultur und gelebte Werte lassen sich nicht so bequem in eine Kennzahl übersetzen. „Werte kann man nur beobachten. Die kann man nicht messen“, sagt Faber-Wiener im Gespräch.

Das macht soziale Kriterien nicht weniger wichtig. Es zeigt vielmehr, warum ein Standard die ethische Auseinandersetzung nicht ersetzen kann. Kennzahlen bilden einen Ausschnitt ab. Faber-Wiener fordert deshalb Reflexion gemeinsam mit Kritikerinnen und Kritikern sowie den Beschäftigten. Erst in diesem Austausch lassen sich die eigenen Annahmen prüfen.

Zukunftsfähigkeit beginnt beim eigenen Geschäftsmodell

Für die Beratung ergibt sich daraus ein anderer Startpunkt. Am Anfang steht nicht die nächste Vorgabe, sondern eine Reihe grundsätzlicher Fragen: Warum beschäftigt sich das Unternehmen mit dem Thema? Welche Wirkung haben seine Kernprodukte? Was will oder muss es verändern? Prozesse und Normen folgen erst danach.

Darin sieht Faber-Wiener keine geschäftsfeindliche Moralübung. Wer ökologische und soziale Folgen früh mitdenkt, kann rechtzeitig innovieren, statt später nur auf Verbote oder neue Anforderungen zu reagieren. Regeln werden dann nicht bloß als Belastung erlebt, sondern als Anlass, die langfristige Tragfähigkeit des Unternehmens zu prüfen.

Auch Beschäftigte und Studierende nimmt sie in die Verantwortung. Wirtschaft sei nichts Äußerliches, dem man sich automatisch unterwerfen müsse, sondern werde von Menschen gestaltet. Wer am Beginn der Karriere steht, könne sich eine begründete Meinung bilden, Fragen stellen und im Unternehmen Widerspruch anmelden.

Der wichtigste Maßstab bleibt damit nicht die Länge eines Berichts. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen bereit ist, die Folgen seines Handelns anzuerkennen und daraus Veränderungen abzuleiten. ESG kann dafür eine nützliche Struktur liefern. Die Verantwortung selbst lässt sich aber nicht an einen Katalog delegieren.


Transkript

Vollständiges Transkript lesen

Hinweis: Das Transkript wurde automatisiert erstellt. Trotz redaktioneller Prüfung können einzelne Namen oder Fachbegriffe abweichen.

[00:00] Hallo und gratuliere dir! Du bist bei Forerunners Network gelandet. Good People, Good Stories statt täglich neuer Skandale. Also, besuche unsere Homepage. Dort triffst du viel mehr gute Dinge als sonst irgendwo. Lösungen, Ideen und Innovationen, Masterclasses und die besten Stories zum Wandel. Werde auch du ein Forerunner und besuche uns auf forerunners.network. Und jetzt viel Spaß beim Podcast. Für Menschen, die neue Wege gehen. Für Menschen, die neue Wege gehen. Für Menschen, die neue Wege gehen. Ja, herzlich willkommen bei Forerunners Network. ESG, CSR, Nachhaltigkeit. Was hat das Ganze mit Verantwortung zu tun? Bei mir sitzt heute Gabi, Faber-Wiener, eine Expertin für diese Bereiche, die diesen Beruf schon sehr, sehr lange ausübt. Und sie stellt sich jetzt unseren Hörerinnen beim Forerunners Network mal selber vor. Einen schönen Nachmittag. Mein Name ist Gabriele Faber-Wiener. Danke für die Einladung. Ich freue mich, darüber reden zu können, weil ich beschäftige mich jetzt seit

[01:22] mittlerweile 35 Jahren mit dem Thema. Da gab es den Begriff der Nachhaltigkeit zwar theoretisch, aber in der Praxis noch überhaupt nicht. Ich habe begonnen mit zwei Greenpeace-Gruppen, die ich gegründet habe, einfach aus der Emotion heraus, nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, wo wir gesagt haben, wir müssen was tun. Und ich habe dann dieses Hobby, weil das war am Anfang ehrenamtlich, zum Beruf gemacht. Also ich war dann viele Jahre bei Greenpeace, habe dann im NGO-Sektor auch lang gearbeitet. Also ich habe Ärzte ohne Grenzen mit aufbauen dürfen und bekannt gemacht. Also ich komme aus der Kommunikation und habe mich dann immer mehr, bin dann in die Beratung geholt worden, gebeten worden und habe dann immer mehr gemerkt, Unternehmen wollen sich hier zu diesem Thema immer mehr bewegen, zumindest auch äußern. Also ich habe dann sehr oft die Frage gehört, auch in der Agentur, wo ich dann war, macht es mir ein CSR-Projekt?

[02:25] Das war sehr klar, die Aussage dahinter, nämlich CSR, das ist was, das kann man geschwind marketingmäßig mal ein bisschen beleben, ohne sehr viel ändern zu müssen. Und das hat mich dann schon massiv immer mehr gestört, dass ich jetzt die Handlangerin werden soll für eben wenig Verantwortung. Und habe mich dann aber dazu auch noch mit ein paar Studien selber weitergebildet. Also ich habe dann zwei Masterstudien noch gemacht und bin seit zehn Jahren selbstständig in dem Thema. Also ich berate das Thema jetzt seit mittlerweile 15 Jahren. Ich bin gleichzeitig seit über 20 Jahren in der Lehre und das ist mir besonders wichtig. Ich unterrichte diese Themen Nachhaltigkeit, CSR, Ethik und das ist mir besonders wichtig, auch in der Kommunikation. Seit mittlerweile jetzt, wie gesagt, 20 Jahren, ich glaube acht Unis momentan. Also ich mache das auch sehr, sehr gern, weil ich einfach merke, das ist die Generation von morgen.

[03:22] Also da kann ich wirklich was weitergeben, während in der Beratung immer ein gewisses Limit ist, weil gerade heute von Unternehmen, und auf das werden wir eh noch stärker eingehen wahrscheinlich, dieses Thema kommt, ja wir sind ja eh schon so gut. Also dieses Selbstbewusstsein hier ja eh schon sehr viel zu machen. Und das ist gleichzeitig ja immer eine Hürde, dass man sich ernsthaft damit auseinandersetzt. Jetzt haben wir sowohl im Zusammenhang mit ESG als auch mit CSR das Wort Verantwortung immer öfter in den Mund genommen. Bleiben wir einmal beim Wesen der Verantwortung. Was bedeutet sie für dich überhaupt? Nicht nur für mich. Verantwortung ist eines der wenigen großen universellen ethischen Prinzipien, die wir haben. Wir haben ja nicht viel. Das ist die Freiheit, das ist die Gleichheit und so weiter. Also all die Prinzipien, die heute in den Menschenrechten auch drinstehen. Und Verantwortung ist ein ganz hoher Anspruch.

[04:25] Verantwortung, da steckt erstens das Wort Antwort drin. Das heißt, das heißt Antwort geben auf die Fragen, die mir gestellt werden, auf die Probleme, die es gibt. Verantwortung ist ein sogenanntes, Peter Ulrich hat es genannt, unhintergebares Prinzip. Also Verantwortung ist da, egal was das Gesetz zum Beispiel sagt. Verantwortung, natürlich, ich kann sie nicht annehmen, aber sie bleibt. Und das ist das, was den Menschen und auch vor allem den Unternehmen ja immer wieder wehtut. Weil die Verantwortung wird eingefordert. Und es reicht nicht zu sagen, ich habe ja die Gesetze beworben. Also Verantwortung ist etwas ganz Anspruchsvolles. Gleichzeitig verlockt es auch, wie soll ich sagen, jetzt im Umgang mit dieser Verantwortung, entweder zu sagen, ja, wir machen das ja eh. Und darum gibt es ja den Begriff der ESG jetzt, sage ich jetzt bewusst kritisch. Da steckt nämlich dieses Wort Verantwortung gar nicht mehr drin.

[05:25] Wir reden von ecological, social und governance und nicht mehr von, wie bei CSR, corporate social responsibility. Also da hat man sich auch von dem Begriff der Verantwortung verabschiedet. Und auch wenn ich mir Unternehmenswerte anschaue, in Untersuchungen zum Beispiel, welche Unternehmenswerte werden angegeben, gerade von großen Konzernen, da gibt es eine spannende Untersuchung, da kommt Verantwortung erst ganz weit hinten bei den Kernwerten. Also jedes Unternehmen hat ja so seine vier, fünf, sechs Kernwerte. Und da kommen viele andere Werte. Aber der Wert der Verantwortung, den schreibt man selber selten hin, weil man eben weiß, das ist ein ziemlich dickes Brett. Mich hat das Peter-Ulrich-Zitat, das ist nicht beeindruckt, kurz ein philosophischer kleiner Exkurs. So ist die Verantwortung möglicherweise die Mutter des schlechten Gewissens wie auch des guten Gewissens. Naja, es steht sogar noch eine Ebene darüber. Stimmt bis zu einem gewissen Grad. Aber da sind wir eben im Ausflug ein bisschen in die Philosophie.

[06:31] Da sind wir dann nämlich auch in der Ethik. Das Gewissen, das ist immer bei der Moral anzusiedeln, nämlich dem, was ich tue. Da bewege ich mich bei den Regeln und so weiter. Und bei der Verantwortung, wo ich sage, das ist ein ethisches Prinzip. Und Ethik ist ja die Hinterfragung der Moral. Also bei Ethik, Ethik ist ein Prozess. Ethik heißt, ich frage mich, was ist richtig und was ist falsch. Und genau das ist das Problem, das ich heute sehe. Und mein Zugang ist ja der der Unternehmensethik. Und das ist ja der Grund,. CSR. Die ist ganz simpel. Und ich sage allen meinen Studis, wenn ihr euch nur diesen einen Satz merkt, von meiner ganzen 30- oder 60-stündigen Vorlesung, dann bin ich happy. Und dieser Satz lautet, ich übernehme, also als Unternehmen, Verantwortung für meine Auswirkungen auf die Gesellschaft. Das ist ganz simpel.

[07:36] Da brauche ich keine Regularien, keine ISGs, keine SDGs und wie sie alle heißen, sondern ich muss nur überlegen, was ist meine Verantwortung, was sind meine Auswirkungen, positiv und negativ. Das heißt, die Positiven maximieren und die Negativen eliminieren. Das ist ganz simpel. Das geht natürlich so weit, dass ich auch Produkte ändern muss. Da wollte ich gerade hin mit einer Zwischenfrage. Du hast vorher Ethik ins Spiel gebracht und du berätst ja Unternehmerinnen. Haben Unternehmen möglicherweise die Angst, dass Ethik das Geschäft stören könnte oder positiv gefragt, kann ethisches Handeln den Geschäftserfolg möglicherweise steigern? Ja, zu beiden. Ethik wird eben sehr schnell in diese Ecke gestellt. Jeder kommt wer mit der Moralkeule. Und genau das ist es nicht. Und darum nehme ich auch den Begriff in den Mund. Das ist ja 2000 Jahre alte Wissenschaft, die sich genau damit befasst, nämlich was ist die Konsequenz meines Handelns.

[08:40] Was ist richtig, was ist falsch? Und insofern ist Ethik was ganz Mächtiges. Und egal, ob ich es jetzt Ethik nenne, ob ich es Auseinandersetzung mit Verantwortung nenne, das ist das Um und Auf, was wir brauchen. Und wenn wir uns den EU-Green Deal anschauen, dann ist das genau das, was ja im ersten Absatz schon drinsteht. Das Ziel ist die Transformation unserer Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit. Und das geht nur mit Hinterfragen. Das eine bedingt automatisch das andere. Also von dem her, je stärker man das tut, und das beantwortet dann vielleicht die zweite Frage, desto stärker ist erstens der Zusammenhalt in einem Unternehmen. Also ich kann diese ganzen Normen, die es da jetzt gibt, entweder runterschludern und dann bewege ich mich rein in der Compliance und sage, ich habe Checklisten und die arbeite ich ab. Aber das kann ich ja ethikfrei betreiben, nämlich indem ich wirklich das Hirn ausschalte und sage, tick the box.

[09:38] Und das ist genau das, was ich momentan auch teilweise erlebe, leider auch in der Beratung. Das heißt, wir nehmen jetzt die ganzen Kataloge an Normen, die teilweise sehr, sehr weit sind schon, aber ich mache nicht ernsthaft was damit. Und die zweite Haltung, für die ich stehe und darum arbeite ich viel mit Unternehmen, auch an ihren Werten, ist zu schauen einmal als erstes, warum befassen wir uns überhaupt mit dem Thema. Was ist unser eigener Weg? Worum geht es, wenn wir an unsere Kernproduktivität und unsere Produkte denken? Was müssen wir hier ändern, aber auch was wollen wir ändern? Was ist eben unsere Verantwortung? Und dann kommen wir erst in die Normen rein und schauen, was braucht es an Prozessen und so. Also man muss wirklich an die Wurzel gehen. Und wenn man das macht, dann kommt es zu diesem berühmten Change of Mindset.

[10:30] Also es geht darum, dass ich diese Dinge zusammen denke und dass ich nicht so, wie es jetzt passiert, und leider sind die Normen hier auch nach wie vor, auch wenn sie versuchen, so breit wie möglich zu sein, aber die sind da einfach auch am Limit. Momentan haben wir noch immer dieses berühmte Zwei-Welten-Denken. Hier ist der Gewinn, das Unternehmen, das harte Business, und dort ist die Nachhaltigkeit, ist die Verantwortung, ist die Ethik. Also Peter Ulrich, den ich schon zitiert habe, ein Wirtschaftsethiker, den ich sehr schätze, nennt das eben dieses Zwei-Welten-Denken. Und das Ziel muss sein, dass ich zusammen denke. Dass ich eben nicht so, wie es jetzt passiert, wieder mit der Krise, ja jetzt müssen wir schauen, dass wir wieder unseren Gewinn machen, und dann können wir schauen, was ist das mit dem Klimaschutz und so weiter. Also das gehört zusammen gedacht, und dann bin ich automatisch bei den Innovationen,

[11:24] und dann bin ich automatisch bei der zweiten Frage, natürlich macht mich das zukunftsfähiger, natürlich habe ich dann Produkte, die eben nicht durch Normen, durch Regeln verboten werden, weil sie einfach klimaschädlich sind. Also es ist gescheiter, von vornherein diesen Weg zu gehen und hier auch Visionen zu entwickeln, und das kann ich eben nur mit kritischen Beratern und eben nicht mit den Abwicklern, aber ich muss auch den Mut haben, das zu tun. Jetzt ist es ja relativ offensichtlich, dass umweltfreundliches Handeln ein guter Teil des Kriterienkatalogs ist, mit dem Firmen in Hinkunft ihre Finanzierungen bekommen, ihre Bewertungen bekommen, mit dem Banken neue Produkte schaffen. Und da fehlen mir aber zwei Säulen, nämlich das S und das G, und das sind ja die, die du seit Jahren lebst. Glaubst du, jetzt positiv oder negativ gesehen, dass diese beiden Säulen genauso ein Attribut werden für den Firmenerfolg im Hinblick?

[12:27] Oder werden die Banken, werden die EU sagen, okay, du hast was Grünes gemacht, das tatsächlich auch wirksam ist, Solar, Energie, BV, Wind, whatever, und vergessen dabei die Diversität in den Firmen, vergessen die Inklusion möglicherweise und vergessen eben die Behandlung der Mitarbeiterinnen. Ganz große Frage. Also wenn ich mir die drei Buchstaben hernehme, ESG, Environmental, da sind wir schon relativ weit. Da kommt ja auch der große Druck her aufgrund der Klimaveränderung. Jetzt haben wir das erste Mal mit der Taxonomie einen Kriterienkatalog für die Finanzindustrie. Man mag davon halten, was man will, Stichwort Atomenergie, weil das ja auch drinnen ist. Es war völlig klar, dass das reinkommt, da geht es um den Nationalstolz der Franzosen, aber wir haben das zumindest. Das Punkt ist jetzt einfach Social und Governance, und gerade Social, der zweite Teil der Taxonomie, ist ja nach wie vor nicht fertig.

[13:25] Hätte schon längst fertig werden sollen, wird noch lange Zeit dauern. Warum? Weil natürlich Social viel schwieriger ist. Es ist schon schwierig genug zu definieren, was heißt jetzt die Umweltauswirkung meines Unternehmens. Und zwar nicht nur meiner Produktion, wenn ich jetzt ein Produktionsbetrieb bin, sondern auch vorgelagert und nachgelagert. Also das ist das, was man so genannten, nicht nur Scope 1, sondern eben auch Scope 2 und 3. Also vor allem Scope 3 ist wichtig, was machen dann die Kunden mit meinem Produkt. Also das ist schon komplex genug und das haben wir jetzt so halbwegs eingetütet. Nur bei Social geht es wirklich darum, woran mache ich jetzt verantwortungsvolles Management fest. Da kann ich nicht mehr sagen, dass ich die Verbleibdauer der Mitarbeiter erinnere. Das ist viel zu einfach. In Wirklichkeit ist das ja viel komplexer. Wir haben Unternehmen, wo 50% der Belegschaft intern schon gekündigt hat.

[14:23] Das kann ich nicht wirklich gut festmachen. Da geht es um Motivation, da geht es um Leadership. Also das sind sehr viele Parameter, die in die Werte reingehen. Und ich sage immer, Werte kann man nur beobachten. Die kann man nicht messen. Aber unser System ist ja so ausgelegt und das ist eben genau das, warum ich sage, diese Kriterienkataloge haben ihre Limits. Das sind Frameworks und da steckt das Wort Frame drin. Frame heißt Grenze im Kopf. Und jedes Framework, so gut es ist, bewegt sich rein auf der Umsetzungsebene, auf der Moralebene. Auch die SDGs. Und darum muss immer klar sein, es geht um die Ebene drüber. Guter Einstieg in die nächste Frage. Da sind wir wieder bei der Verantwortung. Am Ende geht es doch um Verantwortung. Eben in Bezug auf Frameworks. Verantwortung, das könnte so das Wort sein, um diese Frameworks jetzt nicht als Druck zu empfinden,

[15:23] sondern als eine Handlungsanleitung, als eine freundliche. Aber die Frage ist ja, wird Verantwortung heute besser gelebt oder noch schlimmer, wird Verantwortung überhaupt noch angenommen? Wie viel Zeit haben wir noch? Nein. Ich habe vor drei Jahren nach einem sehr intensiven Diskurs in einem Think Tank für mich eine Formel der Verantwortung niedergeschrieben, die sich immer wieder bestätigt. Verantwortung hat danach drei Säulen. Haltung, Reflexion und Handlung. Also das heißt, ich muss als erstes bereit sein, meine Haltung zu überdenken. Ich muss mir überlegen, eben was ist jetzt überhaupt meine Rolle? What's the purpose of my business? Dieser berühmte Satz. An zweiter Stelle Reflexion betreiben. Das heißt, wirklich ernsthafte Prozesse im Haus starten und dann Aktionen setzen. Und in der Praxis, Antwort auf die Frage, was wird gelebt, in der Praxis sind wir heute sehr stark in dieser ESG-CSR-Nachhaltigkeitsszene-Thematik im Aktionismus. Also rein bei den Handlungen.

[16:37] Und das sehe ich, wenn ich Nachhaltigkeitsberichte anschaue. Ich habe es mit meinen Studierenden untersucht, teilweise im Rahmen von Masterthesen, also wirklich umfangreiche Studien auch gemacht. Von sämtlichen Berichten in Österreich, die eingereicht werden für den Reporting Award, kam in sechs Berichten Reflexion vor. Der Rest ist reines Abarbeiten, was wir alles tun und beschreiben, was wir tun. Und das möglichst nur positiv. Also keine Selbstkritik. Und das sind genau die Probleme, die wir haben. Das heißt, ich muss auf der Haltungsebene beginnen. Ich muss begründen, warum mache ich was. Ich muss das Ganze wirklich reflektieren. Und zwar mit meinen Kritikerinnen, mit meinen Mitarbeiterinnen. Und dann komme ich automatisch in die Handlung. Dann komme ich automatisch zu anderen Produkten, zu anderen Prozessen etc. Und das verlangt einfach diese Offenheit, diese Bereitschaft, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Und das ist genau das, was ich durch diese vielen Normen, die jetzt kommen, auch durch diese ESG-Welle, viel zu wenig passiert.

[17:43] Beziehungsweise was ich jetzt schon merke, dass Unternehmen auf der einen Seite extrem verunsichert sind. Das heißt, hier eine Lawine fürchten und auch sehen, die da auf sie zukommt. Und gleichzeitig, wie immer, es nicht als Glas halb voll, sondern eben halb leer sind. Das heißt, was ich jetzt sehr oft höre, ist, oh Gott, diese ganzen Regeln. Statt dass man sagt, hey, das ist jetzt eine Chance, dass du dich hinsetzt mit anderen und überlegst, ist unser Geschäftsmodell zukunftsfähig? Was müssen wir tun? Und zwar auf lange Sicht gedacht. Und in die Richtung berate ich eben Unternehmen. Das heißt, wir gehen wirklich an die Wurzeln. Wenn du berätst, dann wollen wir zum Schluss noch Ratschläge einfordern. Da bin ich nicht freundlich fragen. Was ist denn dein Rat? Und schauen wir uns jetzt einmal drei Zielgruppen an. Nämlich, du hast schon voller Liebe von deinen Studis, von den Studentinnen gesprochen.

[18:42] Von den Beratungskundinnen deines Institutes und natürlich als Bürgerin unseres Landes und Europa haben wir noch nicht. Oder kurz darüber gesprochen über die Entscheiderinnen. Was ist denn im Hinblick auf ein besser werdendes Verständnis und Ausüben der Verantwortung dein Ratschlag an jede dieser drei Zielgruppen? Fangen wir mit den Studentinnen an. Ich glaube, das Wichtigste ist, wenn man auch eher zu Beginn seiner Karriere steht und in der Wirtschaft oder wo auch immer, aber hauptsächlich in der Wirtschaft seine Zukunft sieht. Du bist die Wirtschaft. Wirtschaft ist eine Sozialwissenschaft. Wirtschaft wird von uns allen gemacht. Ich muss mich nicht automatisch unterwerfen. Ich habe gerade jetzt die Möglichkeit, wo sich so viel ändert, auch als junger Mensch im Unternehmen den Mund aufzumachen und meine Meinung zu sagen. Wir natürlich vorher meine Meinung bilden, aber mich eben nicht unterwerfen diesen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, die in Wirklichkeit sehr oft Bullshit sind.

[20:01] Also hier ganz stark auch im eigenen Unternehmen hinterfragen. Das ist das, was ich meinen Studentinnen mitgebe. Und Kundinnen, das, was ich vorher gesagt habe, sehen wir das Glas als halb voll, sehen wir die Entwicklung als Chance und geben wir uns nicht mit Abarbeiten von Regeln zufrieden. Das heißt, gehen wir auch in die Werte hinein. Und die Entscheiderinnen, wir sind jetzt an einer unglaublichen Kreuzung und ich befasse mich, wie gesagt, jetzt seit 35 Jahren mit dem Thema. Ich glaube, die nächsten fünf Jahre werden wirklich entscheidend werden. Wir haben nur mehr diese fünf Jahre, bevor wir in Sachen Klimaschutz die berühmten Kipp-Effekte haben, wo es dann wirklich irreversibel wird. Also es ist nicht mehr fünf Minuten vor zwölf. Wir sind schon weit darüber und ich bin keine Alarmistin. Ich bin ein sehr optimistischer Mensch. Der Hut brennt und wir müssen endlich diese Krise als Krise betrachten und uns nicht zurücklehnen.

[21:03] Und auf gut österreichisch glauben, wir können uns irgendwie weiter wursteln. Fertig. Ja, ich bin jetzt wirklich ganz, ganz ehrfurchtsvoll eingesunken und bin irgendwie schon im Kopf beim nächsten Podcast mit dir, nämlich die Kipp-Effekte. Ich bin aber keine Klimawissenschaftlerin. Also ich sehe andere Kipp-Effekte. Nämlich auch, was die Kommunikation betrifft. Also, was wir heute gesehen haben von Forerunners Network, da möchte ich mich noch einmal ganz, ganz herzlich bedanken. Sie ist eine Expertin, die einen großen Scroop hat und uns sicherlich so die letzten 20 Minuten gut aufgeklärt, gut unterhalten hat und auch Dinge, zumindest mir erzählt hat, die ich so noch nicht wusste und die ich sehr gemocht habe. Ich hoffe, Ihnen, liebe Hörerinnen, geht es genauso wie mir und ich bedanke mich bei dir, Gabriele Faber-Wiener, für den Kommen zu Forerunners.network. Danke.

Originalquelle öffnen

Kontakt und Kanäle

Mit der Redaktion in Verbindung bleiben.