Sport auf Augenhöhe: Integration, Inklusion und Respekt: Das Stadtlabor S2, F2
Sport kann Menschen verbinden, doch Teilhabe entsteht nicht von selbst. Im Stadtlabor diskutieren Verantwortliche und Aktive darüber, welche Infrastruktur, Ressourcen und Begegnungen es braucht, damit Integration und Inklusion im Alltag ankommen.
Gemeinsames Erleben statt bloßer Einladung
Vielfalt bedeutet, zu einer Partie eingeladen zu werden. Inklusion beginnt dort, wo jemand auch zum Tanzen aufgefordert wird. Mit diesem Bild eröffnet die Diskussion eine zentrale Unterscheidung: Es reicht nicht, Menschen formal Zugang zu geben. Sie müssen tatsächlich mitmachen können – unabhängig von Herkunft, Geschlecht sowie körperlichen, mentalen oder kognitiven Beeinträchtigungen.
Sport bietet dafür besondere Voraussetzungen. Regeln und Ziele sind klar, individuelle Fähigkeiten werden sichtbar und in einer Mannschaft zählt das Zusammenspiel. Christian Ebenbauer, Vorstandsvorsitzender der österreichischen Fußball-Bundesliga, sieht das gemeinsame Erleben als entscheidenden Punkt. Im Training und im Wettkampf entstünden rasch Momente, in denen alle Beteiligten wüssten, was sie gemeinsam erreichen wollen. Genau dieses Miteinander sei in anderen gesellschaftlichen Bereichen oft nur mit erheblich größerem Aufwand herzustellen.
Dass Begegnung auf Augenhöhe dennoch nicht automatisch gelingt, zieht sich durch die gesamte Diskussion. Es braucht passende Sportstätten, erreichbare Angebote, qualifizierte Trainerinnen und Trainer sowie Menschen, die andere ermutigen. Inklusion ist damit keine freundliche Ergänzung zum Sportbetrieb, sondern eine Aufgabe, die in dessen Strukturen verankert werden muss.
Rollstuhl-Basketball als gelebte Teamarbeit
Alex Suppan begann nach einem Unfall im Alter von 14 Jahren mit Rollstuhl-Basketball. Für ihn ist die Sportart ein besonders anschauliches Beispiel für Inklusion. Ein Punktesystem ermöglicht es, unterschiedliche Beeinträchtigungen innerhalb einer Mannschaft auszugleichen; die zulässige Punktezahl der fünf Spielerinnen und Spieler am Feld ist laut Suppan auf 14,5 begrenzt. Dadurch können Menschen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam spielen – vom Freizeitsport bis zum leistungsorientierten Training.
Suppan beschreibt den Teamsport als Schule für Kommunikation und Verantwortung. Er habe gelernt, Fehler anderer auszugleichen, eigene Bedürfnisse zu erkennen und dem Team mitzuteilen. Manchmal gehe es darum, sich zurückzunehmen, manchmal darum, Verantwortung zu übernehmen und sich bewusst in Szene zu setzen. Gleichberechtigung zeigt sich hier nicht darin, Unterschiede auszublenden, sondern darin, sie im gemeinsamen Spiel zu berücksichtigen.
Sein Verein befindet sich nach Suppans Einschätzung in einer privilegierten Situation: Er verfügt über Sponsoren und trainiert in einer modernen, barrierefreien und öffentlich gut erreichbaren Halle. Für andere Sportarten oder Menschen mit anderen Beeinträchtigungen könne er jedoch nicht sprechen. Blinde, gehörlose oder kognitiv beeinträchtigte Sportlerinnen und Sportler hätten jeweils andere Anforderungen. Inklusion braucht daher mehr als eine allgemeine Lösung – sie muss konkrete Bedürfnisse ernst nehmen.
Barrierefreiheit entscheidet über Teilnahme
Wie groß der Unterschied zwischen gut gemeinter Offenheit und tatsächlich nutzbarer Infrastruktur sein kann, zeigt Suppans Rückblick auf frühere Trainingsorte. Manche Schulsporthallen waren am Wochenende geschlossen, die Kabinen für mehrere Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer zu eng und barrierefreie WC-Anlagen fehlten. In einer früheren Halle habe es keine Klimaanlage gegeben; im Sommer seien dort laut Suppan teilweise Temperaturen von 50 Grad erreicht worden. Für Menschen, die aufgrund ihrer Beeinträchtigung nicht ausreichend schwitzen können, könne Training unter solchen Bedingungen sogar lebensbedrohlich sein.
Die Sport Arena Wien wurde nach Angaben von Sonja Zahradink-Leonsberge, Geschäftsführerin der Wien Holding Sport, von Beginn an gemeinsam mit Verbänden und Vereinen geplant. Die multifunktionale Anlage umfasst eine teilbare Ballsporthalle, eine Kunstturnhalle und eine Leichtathletikhalle. Im Außenbereich stehen zudem ein Motorik- und ein Calisthenics-Park zur Verfügung, damit auch Menschen ohne Vereins- oder Verbandszugehörigkeit Bewegungsmöglichkeiten haben.
Zahradink-Leonsberge verweist auf die Special Olympics als Beispiel für die Nutzung der neuen Infrastruktur. Während der Veranstaltung habe die Sport Arena Wien mehr als 20.000 Eintritte verzeichnet. Darüber hinaus gebe es gezielte Trainingsangebote für Menschen mit Fluchthintergrund. Für sie ist die Investition in barrierefreie Sportstätten kein Widerspruch zu wirtschaftlichem Denken: Entscheidend sei nicht allein die Kosten- oder Erlösseite, sondern die gesellschaftliche Wirkung. Wenn Menschen nicht ausgeschlossen werden, Vorbilder entstehen und mehr Bewegung möglich wird, sei Sport eine langfristige Investition in die Gesellschaft.
Die größten Hürden liegen in den Strukturen
Mangelndes Interesse ist nach den Erfahrungen von Zahradink-Leonsberge nicht das Hauptproblem. Schwieriger sei es, Kinder mit Beeinträchtigungen früh zu erreichen und ihnen zu zeigen, welche Angebote vorhanden sind. Informationen müssten bereits in Schulen ankommen, dürften aber nicht allein vom Engagement einzelner Sportlehrerinnen und Sportlehrer abhängen. Unterricht sollte so angepasst werden, dass Kinder mitturnen können und bei Interesse einen passenden Verein finden.
Suppan kennt diese Hürde aus der Nachwuchsarbeit seines Vereins. Er selbst kam über einen Freund aus der Rehabilitation zum Rollstuhl-Basketball. Heute sei es mitunter schwierig, Kinder mit Behinderungen anzusprechen, weil sie auf viele Schulen verteilt seien und Schulen aus Datenschutzgründen keine Informationen weitergeben dürften. Hinzu kommen finanzielle Fragen: Ein benötigtes Sportgerät könne mehrere Tausend Euro kosten. Das könnten sich nicht alle Familien oder Vereine leisten. Auch qualifizierte Trainerinnen und Trainer seien eine knappe Ressource, während viele Angebote stark vom Einsatz einzelner Personen abhingen.
Sichtbarkeit ist deshalb ebenso wichtig wie Geld und Infrastruktur. Vorbilder wie Suppan können Kindern zeigen, was möglich ist. Gleichzeitig darf Inklusion nicht auf einzelne erfolgreiche Athletinnen und Athleten reduziert werden. Sie wird erst selbstverständlich, wenn passende Angebote im normalen Sportbetrieb mitgedacht werden und Menschen nicht jedes Mal aufs Neue erklären müssen, warum sie dazugehören.
Respekt lernen – im Boxring und im Fußballverein
Marcos Nader schildert aus seinem Wiener Boxstudio, wie selbstverständlich unterschiedliche Herkunft im Training werden kann. Bei einer von ihm genannten Einheit hätten 45 Personen mit rund 30 verschiedenen Nationalitäten gemeinsam trainiert. Im Breitensport gehe es dabei häufig nicht um Schläge ins Gesicht, sondern um Bewegung, Ausdauer und Arbeit am Sandsack. Entscheidend seien Regeln, Disziplin und Respekt gegenüber dem Gegenüber.
Profiboxer Arsen Chabyan begann nach eigener Darstellung bereits als Kind mit dem Boxtraining. Er war in der Schule gehänselt worden und fand im Sport Selbstvertrauen, Disziplin und Selbstbewusstsein. Zugleich sei ihm von Beginn an vermittelt worden, dass die im Training erlernten Techniken in den Ring gehören und nicht für Gewalt außerhalb des Sports gedacht sind. Von internationalen Bewerben berichtet er, dass harte Sparringseinheiten und sportliche Konkurrenz einem freundschaftlichen Umgang danach nicht entgegenstehen: Nach dem Kampf werde einander Respekt gezeigt.
Auch im Fußball sieht Ebenbauer die Vereine als wichtige gesellschaftliche Orte. Nach seinen Angaben spielen in Österreich jede Woche mehr als 200.000 Menschen auf Fußballplätzen, verteilt auf über 2.000 Vereine. Viele Clubs führten Special-Needs-Teams, unterstützten soziale Projekte oder verbesserten den Zugang für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer. Im Frauen- und Mädchenfußball setzt die Bundesliga laut Ebenbauer auf einen stufenweisen Ausbau: Zuerst müsse die Basis gefördert werden, damit in der Spitze dauerhaft mehr möglich werde.
Bei Gewaltvorfällen warnt Ebenbauer vor einfachen Antworten. Jeder Vorfall sei einer zu viel, Sanktionen allein reichten aber nicht aus. Er betont Präventionsarbeit, Streetwork und soziale Arbeit in den Clubs. Stadionverbote könnten unter bestimmten Voraussetzungen verkürzt oder aufgehoben werden, wenn Betroffene an sozialer Arbeit teilnehmen. Das Ziel sei Resozialisierung statt bloßer Verbannung. Vollständig verhindern lasse sich Gewalt wohl nicht, doch Vereine könnten gemeinsam mit Politik und Gesellschaft frühzeitig gegensteuern.
Am Ende steht deshalb kein fertiger Zustand, sondern eine dauerhafte Aufgabe. Sport kann Begegnung erleichtern, Selbstvertrauen stärken und Unterschiede im gemeinsamen Tun in den Hintergrund rücken. Damit dieses Potenzial nicht vom Zufall abhängt, braucht es zugängliche Hallen, leistbare Ausrüstung, verlässliche Informationen und Menschen, die andere aktiv ins Spiel holen. Inklusion beginnt nicht mit der Einladung – sondern mit der selbstverständlichen Teilnahme.
