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Der Wiener Pflanzenturm, der fast aus dem Gedächtnis verschwand

Jahrzehnte bevor Vertical Farming zum internationalen Zukunftsthema wurde, ließ Ottmar Ruthner Pflanzen in Türmen zirkulieren. Viele seiner Anlagen verschwanden, seine Ideen beinahe ebenso. Der Architekt Daniel Podmirseg rekonstruiert mit einem digitalisierten Archiv, wie weit diese Wiener Pionierarbeit reichte – und weshalb technische Kühnheit allein nicht genügt.

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Podcast18.07.2024

Daniel Podmirseg hatte mehrere Jahre über Vertical Farming gearbeitet, ein Projekt für London entworfen und eine Dissertation zur Energieeffizienz urbaner Lebensmittelproduktion verfasst. Erst wenige Wochen vor seinem Rigorosum erfuhr er durch einen Anruf aus Langenlois, dass es in Wien schon Jahrzehnte zuvor ein Unternehmen für vertikalen Pflanzenbau gegeben hatte.

Nach Abschluss seiner Arbeit traf er Ottmar Ruthners Sohn Oswald, der Geschäftsführer des Unternehmens gewesen war, bei einem Heurigen im 19. Bezirk. Podmirseg legte ihm stolz sein umfangreiches Werk vor. Oswald blätterte darin und gab sinngemäß zurück: Das alles kenne man bereits. Aus dieser ernüchternden Begegnung entstand eine langjährige Spurensuche – und die Erkenntnis, wie leicht selbst gebaute Innovation aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwinden kann.

Aus Rückenschmerzen entstand ein neues Produktionsprinzip

Ottmar Ruthner kam laut Podmirseg aus der Stahlindustrie und hatte Patente für Stahlverfahren entwickelt. Der Ausgangspunkt seiner Arbeit am Pflanzenbau war erstaunlich bodenständig: Menschen in Gärtnereien und Landwirtschaft mussten sich ständig bücken und litten häufig unter Rückenproblemen. Ruthner drehte das Prinzip um. Nicht die Beschäftigten sollten zu jeder Pflanze gehen – die Pflanzen sollten zu ihnen kommen.

Dafür entwickelte er Systeme, in denen Pflanzenträger nach dem Paternosterprinzip zirkulierten. Die Konstruktion brachte die Kulturen zum Arbeitsplatz und nutzte zugleich die Höhe. Ruthner nannte seine Anlage „Phytotower“. Der heute geläufige Begriff Vertical Farming spielte damals noch keine Rolle.

Aus der ergonomischen Idee wurde bald eine größere Frage. Ruthner begann, die Stadt als einen Organismus mit Energie-, Material- und Lebensmittelströmen zu betrachten. Woher kommt die Nahrung? Welche Ressourcen benötigt ihre Produktion? Und wie kann ein Gebäude Teil dieser Versorgung werden? Podmirseg sieht darin eine bis heute aktuelle Qualität des Ansatzes: Der Turm war nicht bloß eine Maschine für Pflanzen, sondern ein Versuch, Lebensmittelproduktion als Bestandteil des urbanen Systems zu denken.

Tausende Dias machen ein vergessenes Netzwerk sichtbar

Podmirseg und Oswald Ruthner begannen nach und nach, Tausende Dias aus dem Firmenarchiv einzuscannen. Mit wachsendem Material wurde eine Weltkarte notwendig, um die Projekte überhaupt noch überblicken zu können. Zum Zeitpunkt des Gesprächs hatte die Recherche laut Podmirseg 25 Anlagen erfasst, darunter Demonstratoren, Prototypen und tatsächlich betriebene Farmen.

Die meisten lagen in Europa, doch die Arbeit reichte deutlich darüber hinaus. Das Gespräch nennt Projekte von Kanada über Moskau bis nach Libyen. Ende der 1970er-Jahre errichtete das Unternehmen dort nach Podmirsegs Darstellung eine Anlage, die täglich zehn Tonnen Biomasse als Futter für Kühe erzeugen sollte. Unabhängig von der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte zeigt das Beispiel, dass Ruthners Unternehmen nicht nur zeichnete und patentierte, sondern unter sehr unterschiedlichen klimatischen und politischen Bedingungen baute.

Auch wissenschaftlich hinterließ die Arbeit Spuren. Podmirseg berichtet von Lehrtätigkeit an der Technischen Universität und von einer Dissertation aus dem Jahr 1972, die im Zuge der Archivarbeit digitalisiert wurde. Diese Dokumente sind wichtig, weil viele reale Anlagen später verschwanden. Ohne Bilder, Pläne und wissenschaftliche Texte bliebe von dem weit verzweigten Programm kaum mehr als eine schwer überprüfbare Erzählung.

Die Türme mussten Probleme lösen, die noch kaum erforscht waren

Ruthners Anlagen entstanden in einer Phase, in der wesentliche Grundlagen moderner Indoor-Produktion noch nicht ausreichend verstanden oder technisch beherrscht wurden. Podmirseg verweist etwa auf das damals junge Wissen über die Wirkung verschiedener Lichtspektren auf Pflanzen. Auch Steuerungs- und Regelungstechnik standen am Anfang.

Die Betreiber arbeiteten daher mit einer Mischung aus Ingenieurswissen und Versuch. Manche Pflanzen litten unter Wasserstress, andere unter zu hoher Feuchtigkeit. Trotzdem hätten viele Anlagen über Jahre funktioniert, betont Podmirseg. Ihre Schwächen lassen sich aus heutiger Sicht leicht benennen. Ihre Leistung bestand aber gerade darin, dass sie reale Erfahrungen erzeugten, bevor es für alle Teilprobleme fertige Lösungen gab.

Warum setzte sich das System dennoch nicht dauerhaft durch? Eine einfache technische Erklärung reicht nicht. Podmirseg nennt mehrere Faktoren. Die Anlagen waren früh, das Wissen war nicht breit verankert und Lebensmittel wurden ab dem Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre so billig, dass sich in Europa kaum ein tragfähiges Geschäftsmodell aufbauen ließ.

Hinzu kam ein Bruch innerhalb des Unternehmens. Kurz vor einer möglichen großen Vereinbarung mit Mitsubishi Electric hielt Ottmar Ruthner die Technik nach Podmirsegs Schilderung noch nicht für reif. Sein Sohn Oswald, damals Geschäftsführer, zog sich zurück. Wenig später starb der Erfinder – und mit ihm ging ein erheblicher Teil des praktischen Wissens verloren. Innovation scheiterte hier nicht an einem einzigen Defekt, sondern am Zusammentreffen von Forschungsrisiko, Marktbedingungen und fehlender Kontinuität.

Im Kurpark Oberlaa steht ein Stück unvollendeter Zukunft

Ganz verschwunden sind die Spuren nicht. Im Kurpark Oberlaa in Wien steht noch ein Ruthner-Turm. Podmirseg bezeichnet ihn als die älteste noch erhaltene Vertical Farm. Im Sommer ist die Konstruktion zwischen den später gepflanzten Bäumen schwerer zu sehen, im Winter tritt sie deutlicher hervor.

Dass der Turm heute eher wie eine Ruine oder ein technisches Relikt wirkt, passt zur widersprüchlichen Geschichte. Er beweist, dass Vertical Farming in Wien nicht nur erdacht, sondern gebaut wurde. Zugleich zeigt sein Zustand, wie wenig eine physische Anlage allein gegen das Vergessen ausrichten kann. Erst die Archivarbeit verbindet das Objekt wieder mit den Menschen, Versuchen und internationalen Projekten dahinter.

Die erhaltene Konstruktion ist deshalb mehr als eine lokale Kuriosität. Sie ermöglicht eine andere Erzählung technischer Entwicklung: Fortschritt verläuft nicht immer von einer frühen Idee geradlinig zum heutigen Markt. Wissen kann abreißen, obwohl ein Ansatz bereits funktioniert hat. Spätere Generationen beginnen dann scheinbar von vorne.

Ruthners wichtigstes Erbe ist die Geduld mit dem Unfertigen

Für Podmirseg steckt heute erstaunlich viel von Ruthner in der Arbeit des Vertical Farming Instituts. Dazu gehört vor allem die Vorstellung, dass eine Farm ein strukturelles Element der Stadt sein soll. Es geht nicht nur um effiziente Produktion hinter geschlossenen Türen. Die gesamte Lebensmittelwertschöpfungskette soll mitgedacht und für Menschen wieder nachvollziehbar werden: Wer produziert, mit welchen Verfahren und in welchem Verhältnis zum Quartier?

Die zweite Verbindung ist weniger technisch. Podmirseg beschreibt, wie neue Projekte auch heute an Zuständigkeiten, vorgefertigten Verwaltungskategorien und wirtschaftlichen Erwartungen anstoßen. Eine Vision muss sich in einem Geschäftsmodell abbilden lassen, darf aber nicht schon deshalb verworfen werden, weil sie in keine vorhandene Schublade passt.

Von Ruthner bleibe daher auch eine einfache Tugend: Geduld. Er entwickelte weiter, obwohl Interesse, Förderung und gesichertes Wissen fehlten. Das macht nicht jeden Versuch automatisch richtig. Es schafft aber die Voraussetzung, aus gebauten Prototypen zu lernen, statt neue Ideen nur anhand einer Liste möglicher Einwände auszusortieren.

Der Turm im Kurpark Oberlaa ist damit weder Denkmal für einen makellosen Erfolg noch Beweis, dass eine alte Lösung heute unverändert übernommen werden sollte. Er erinnert daran, dass widerstandsfähige Städte lange Vorläufe haben. Wer ihre Ernährung neu organisieren will, sollte deshalb nicht nur nach vorn schauen, sondern auch prüfen, welches erprobte Wissen beinahe verloren gegangen ist.


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[00:00] Hallo und gratuliere dir. Du bist bei Forerunners Network gelandet. Good People, Good Stories statt täglich neuer Skandale. Also, besuche unsere Homepage. Dort triffst du viel mehr gute Dinge als sonst irgendwo. Lösungen, Ideen und Innovationen, Masterclasses und die besten Stories zum Wandel. Werde auch du ein Forerunner und besuche uns auf Forerunners.network. Und jetzt viel Spaß beim Podcast. Forerunners Network. Der ESGN Finance Blog. Für den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Für Menschen, die neue Wege gehen. Herzlich Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer von Forerunners Network. Diesmal auch Seherinnen und Seher, weil wir haben uns entschlossen, einen Videopodcast draus zu machen, damit sie auch sehen, welche schönen und gescheiten Menschen hier auf Forerunners Network sind. Zu Gast sind. Über einen freue ich mich heute ganz besonders, weil wir haben uns wieder einen richtigen Forerunner als Thema genommen, nämlich Ottmar Ruttner. Den werden die wenigsten kennen. Er ist ein wirklicher Forerunner, sagen wir besser ein Pionier aus Wien. Und er gilt als der Vater des Vertical Farmings.

[01:24] Er hat ganz, ganz, da werden wir dann drüber sprechen, revolutionäre Bauten gemacht. Pflanzen, die mit Aufzügen gefahren sind. Riesige Türme in einer Zeit, wo Hochhäuser noch gar nicht so zu Gange waren im Stadtbild. Und er ist damit durch halb Europa oder durch die halbe Welt gekommen und plötzlich wurde es still. Damit diese Stille ein Ende hat, da hat sich Daniel Potmiersek ein Herz genommen und hat eben beschlossen, das Archiv zu Ottmar Ruttner zu öffnen, aufzubauen. Er ist der berufene Mann dafür, denn er betreibt ja auch das Vertical Farm Institut. Da werden wir im Videocast 2 darüber sprechen. Ich heiße dich einmal, lieber Daniel, herzlich willkommen bei uns im Studio. Vielen Dank für die Anladung. Jetzt kommt einmal die Frage, die jeder hasst bei mir, so von der Wiege bis auf diesen Stuhl. Wie lief denn dein Weg zum Mann, der sich eben für Vertical Farming interessiert?

[02:38] War eigentlich ein absoluter Zufall. Also ich bin ja, wie du weißt, bei Ausbildung Architekt. Ich habe mich mit Vertical Farming am letzten Drittel meines Studiums begonnen auseinanderzusetzen. Eigentlich ist das alles aus einer Krise entstanden, weil ich bin irgendwann über die Picoil-Kurve gestorben, gestolpert. Gestorben ist ein guter Versprecher in dem Zusammenhang und habe mich gewundert, warum ich davon eigentlich nichts weiß. Um das abzukürzen, von dem Moment an war eigentlich energieeffiziente Architektur mein Steckenpferd. Und je mehr ich mich während des Studiums damit auseinandergesetzt habe, umso mehr habe ich festgestellt, dass der ganze Lebensmittelsektor 30 Prozent der Primärenergie braucht weltweit. Und aus diesen Überlegungen ist eigentlich die Entscheidung geboren worden, wir müssen Lebensmittel wieder dort produzieren, wo wir sie auch konsumieren. Und in den Anfang 2000er Jahren hat der Professor Dixon de Pomier auf der Columbia University in New York mit Studierenden mal so ein, sagen wir mal, ein kurzes Forschungsprojekt gemacht,

[03:54] mit der einfachen Frage, ob sich Manhattan selbst mit Lebensmitteln versorgen könnte, wenn sämtliche Dachflächen mit Lebensmitteln eigentlich vollgestückt werden. Und wie man vermuten kann, war das Ergebnis natürlich ein absolutes Desaster. Nichtsdestotrotz habe ich damit eben weitergemacht. Also die Antwort war klar, Produzieren in der Stadt, also Stichwort Urban Gardening und die ganzen schönen Ideen und so weiter reichen nicht aus, um eine gewisse Ebene an Autarkie zu erreichen. Und das war praktisch jetzt einmal der moderne Erfinder des Vertical Farmings. Abgeschlossen habe ich mit seiner Unterstützung eben auch an der Bildenden dann mit einem Vorschlag für eine Vertical Farm in London. Das war ein rein architektonisches und städtebauliches Projekt, sage ich deswegen, weil wir oder weil ich in dem Fall eigentlich schon mal festgestellt habe, wie viel das mit der Stadt macht, beziehungsweise wie viele Berufsgruppen und wie viele Gewerbe eigentlich direkt oder indirekt an der Lebensmittelwertschöpfungskette dranhängen.

[05:05] Das war unglaublich spannend. Nur habe ich dann während des Diploms eben auch festgestellt, ich habe überhaupt keine Ahnung, wie das Ding eigentlich funktionieren könnte, was bedeutet das, was kann man eigentlich anbauen, wie viel Energie kostet das am Ende des Tages. Und deswegen habe ich entschieden, einfach noch ein paar Jahre meines Lebens dran zu hängen und habe eben im Rahmen der Dissertation bei Professor Brian Cody am Institut für Gebäude und Energie mich nur mit der Frage auseinandergesetzt, ob Vertical Farming einen Beitrag leisten kann zur Steigerung der Gesamtenergieeffizienz der Stadt. Ein paar Wochen vor dem Rigorosum ruft mich jemand aus Langenlois an und sagt, Herr Putmiasek, ich weiß, Sie setzen sich auseinander mit Vertical Farming, da gab es ja schon mal eine Firma in Wien, ich hatte keine Ahnung davon und meines Wissens sollte der Sohn sogar in Wien noch leben, also der Sohn des Erfinders, der war der damalige Geschäftsführer.

[06:07] Das heißt, ich bin im letzten Augenblick in meiner Dissertation oder der Doktorarbeit darüber gestolpert, dass ich nicht einmal einen Link in meiner Arbeit drin habe. Aber, und das ist vielleicht die lustigste Geschichte, an dem, als ich dann mein ausgedrucktes Mammutwerk oder Resultat von fünf Jahren in der Hand hatte, habe ich es nach längeren Versuchen geschafft, einen Termin zu bekommen, beim Herrn Oswald Rutner, Oswald ist der Sohn, der war der damalige Geschäftsführer, haben wir uns getroffen beim Heurigen im 19. Bezirk, ich zeige ihm voller Stolz meine Arbeit, ja, und er blättert die so durch und sagt, das war der erste Satz, ja, eigentlich die erste Kritik der Arbeit außerhalb des akademischen Rahmens, ja, Herr Putmiasek, das kennen wir doch schon aus. War fantastisch, ja, und von dem Moment an haben wir uns immer wieder in unregelmäßigen Zeiten getroffen, ja, das kann ich schon sagen, hat etwas Zeit gebraucht, um Vertrauen aufzubauen,

[07:12] und dann haben wir irgendwann begonnen, tausende Andias von denen einzuscannen, ja, er war auch schon, er ist leider verstorben heuer im Februar. Oswald, ja, der Vater schon in den 90er Jahren, und, aber eben, je mehr wir eben diese Dias digitalisiert haben, umso mehr haben wir dann verstanden, wir müssen jetzt eine Weltkarte zeigen, sonst verlieren wir die Übersicht, also, wir sind Stand heute jetzt auf 25 vertikale Farmen gestoßen, die als Demonstratoren oder Prototypen oder wirklich laufende Objekte gebaut wurden, also wirklich von Kanada, die meisten natürlich in Europa, in Österreich auch, bis hin Moskau, Erivan, und eines meiner Lieblingsgeschichten ist einfach Ende der 70er Jahre, die erste richtige Plant Factory für den damals noch jungen Gaddafi, der war ziemlich fesch, das wusste ich nicht, ja, der hat sich einfach eingebildet, der will Milch trinken, für Milch brauchst du Kühe, Kühe in der Wüste, wie wissen wir, die brauchen alle viel Wasser,

[08:15] und die Firma Rutner industrielle Pflanzenbau hat gesagt, ja, das machen wir. Und was haben sie gemacht? Die haben dort eine Fabrik gebaut, Ende der 70er Jahre, die zehn Tonnen an Biomasse pro Tag produziert hat. Wenn ich dich kurz unterbrechen darf, Daniel, interessant ist auch, dass der Ottmar Rutner in einer Zeit, wo der Eisene Vorhang ja noch wirklich fix und fest stand, auch dort sehr viel gemacht hat. Genau, also wir schließen hier Russland mit ein, nochmal, also in Aserbaidschan, Iran, Libyen, die waren sehr umtriebig, ja. In Warschau, glaube ich, habe ich auch ein Tier gesehen, kann das sein? Das kann sein, ja, genau. Gehen wir kurz einmal zur Funktion. Wie haben Ottmar Rutners Pflanzentürme funktioniert? Da ist vielleicht wichtig, die Genesis zu verstehen. Also der Erfinder kommt aus der Stahlindustrie, hat mehrere Patente auf Stahlverfahren entwickelt und hat irgendwann in seinem Leben unabhängig von seiner Arbeit festgestellt,

[09:23] dass alle Gartenbauer, Bauern und so weiter, spätestens ab 35, 40 Bandscheiben, Rückenprobleme und was er immer haben, ja. Das war eigentlich ein sehr, sagen wir mal, anthroposophischer Zugang am Anfang, ja. Einfach in seiner Logik, also Conveyor-Belts, also Fließbänder und so weiter zu verstehen ist, die machen sich alle irgendwie fertig, bücken sich das ganze Leben, ja. Wieso kommen die Pflanzen nicht zu ihnen, ja. Das war eigentlich der Ursprung dieser Gedanke und natürlich eben auch dieser, sagen wir mal, der Erfindergeist, etwas zu entwickeln, dass das auch funktionieren könnte, beispielsweise über Paternoster-Systeme. Und je mehr er sich damit auseinandergesetzt hat, umso mehr hat er natürlich auch festgestellt, und das diskutieren wir leider heute immer noch, sage ich, und viel zu wenig, also vor über einem halben Jahrhundert, wenn du jetzt beginnst, die Stadt als Metabolismus zu verstehen, und dann stellt sich auch die Frage, ja, wo kommen unsere Lebensmittel her?

[10:19] Also wenn wir unsere ganzen Energie- und Materialflüsse, die direkt oder indirekt damit zusammenhängen, eben mit berücksichtigen. Das heißt, es ging hier plötzlich ihm nicht mehr nur den Turm als solches, also den Phytotower hat er ihn genannt, er hat ihn ja nicht Wörtergefahren genannt, weiterzuentwickeln, sondern er hat sich auch wirklich dahingehend vertieft damit, um eben diese Ströme, diese Stoffströme irgendwie besser zu verstehen. Es gab auch Lehrtätigkeit, auf der TU, es gibt sogar eine Dissertation, die haben wir auch digitalisiert von 1972, die sich damit auseinandersetzt, also wirklich wahre Pionierleistung. Das war die Genesis davon. Und das war eben vor über einem halben Jahrhundert, und hätten wir dem mehr Augenmerk geschenkt, dann wären wir nicht in der Situation, in der wir heute sind. Es gibt eine, habe ich im AZW gesehen, eine Sendung Wünsch dir was, aus dem Jahr 72, würde ich jetzt einmal sagen,

[11:20] wo Dietmar Schönherr den jungen Friedensreich 100 Wasser, der ein ähnliches Projekt, eigentlich das 100 Wasser Haus, das sich selbst mehr oder weniger regenerierende Haus, das mit seinen Fäkalien arbeitet und so weiter vorgestellt hat. Und damals war das wie eine Art Belustigung. Das heißt, der ganze Saal hat in Stürmen gelacht, 100 Wasser hat sich natürlich nicht beirren lassen, und hat dann dieses Haus gebaut. Aber ich erinnere mich daran, das war damals eine Zeit, in der das einfach kein, keine Gedanken wert war, zumindest den Entscheidern, das brauche ich nicht, gendern damals. Und heute wären wir vielleicht froh, wenn das eine oder andere es schon gäbe, und vielleicht weiterentwickelt hätte werden können. Jetzt hast du mit dem Oswald Ruppner lange Kontakt gehabt. Hast du da auch ein bisschen erfahren können, wie sein Vater so getickt hat? Dass er für ein Mensch gewesen sein könnte?

[12:26] Schon, aber ich glaube, ein paar Dinge passen hier nicht her. Aber es war eher ein schwieriges Verhältnis. Und es gab, und das ist eben auch wichtig, zu verstehen, also man sagt immer relativ schnell, naja, eben, was willst du? Pflanzen anbauen, Investitionskosten sind viel zu groß, kein Wunder, dass das alles nicht funktioniert hat. Und da gebe ich auch immer zu bedenken, das sind zwei Dinge, wo die ersten Türme gebaut worden sind, haben wir auf wissenschaftlicher Ebene noch nicht einmal verstanden, wie Fotosynthese funktioniert. Also die ersten wissenschaftlichen Publikationen waren 72, 73 von McCree, wo man eben den Einfluss der Lichtspektren begonnen hat zu verstehen. Und die haben die Dinge ja auch teilweise davor gebaut. Und McCree ins Bewusstsein ist auch erst etwas später gekommen. Also das war richtig, das war das Pioneers' Work, at its best. Das heißt, irgendwelche Lampen rein, das wird schon irgendwie funktionieren.

[13:30] Da gibt es ein nettes Zitat vom Oswald, wo einfach sagt, die einen Pflanzen sind krepiert am Wasserstress, die anderen hat es breselt. Also es war immer irgendwas. Aber doch haben die meisten über viele Jahre funktioniert. Das meiste ging irgendwie zu stoppen, aus zwei, fiel zusammen. Eines, die waren kurz vor einer großen Vertragsunterzeichnung mit Mitsubishi Electrics. Und eben der Erfinder von der ganzen Idee hat gesagt, ja, jetzt haben wir zwar schon unsere Demonstratoren und Prototypen und ich sage jetzt einmal, wissenschaftliche Vorsicht, wir sind noch nicht so weit. Und der Sohn, der Geschäftsführer, ungeduldig, muss er ja, darf er ja, oder deswegen habe ich einen Geschäftsführer, hat einfach gesagt, wenn du den Vertrag jetzt nicht unterschreibst, dann bin ich weg. Hat er sich zurückgezogen und kurze Zeit danach ist eben der Vater mit seinem ganzen Wissen eben gestorben. Ist das auch der Grund,

[14:30] dass die Ruthner-Türme, die Ottmar-Ruthner-Türme heute nicht mehr zu finden sind? Also es gibt noch eine Reihe an zusätzlichen Gründen, wie es halt teilweise oft ist. Es war wirklich, es war zu früh, vieles ist in Vergessenheit geraten. Etwas, was man jetzt aus wirtschaftlicher Perspektive auch eben sagen muss, ist, das war in einer Zeit und das war ja nicht immer so, spätestens ab den Ende 60er, Anfang 70er Jahren sind die Lebensmittelpreise dermaßen kollabiert, dass es einfach ein Ding, der unmöglich war, zumindest in unserem Breitengraden mit unserem Wirtschaftssystem, ein Geschäftsmodell aufzubauen, dass das funktioniert. Das heißt, die letzten Projekte und eines kann man sich als Ruine noch ansehen, eben im Kurpark Oberlau in Wien, waren wirklich als Forschungsstätte gedacht, in Kooperation eben mit der Pharmaindustrie und so haben eigentlich die letzten Türme in Europa über eine längere Zeit noch überlebt. Konntest du im Rahmen deiner Recherche

[15:34] noch andere Türme sehen, außer den in Oberlau, zum Beispiel den in Langelebern oder so? Nein, die stehen, die Ältesten, also wenn es sich jemand anschaut, in dem Bewusstsein, die erste und älteste Vertical Farm, die es heute noch gibt, die ist im Kurpark Oberlau. Also jeder Wiener, der Lust drauf hat, der sich interessiert dafür, ja, Okay, also wenn ich oben von der Filmteichstraße hineingehe, kommt der dann recht bald oder ist der unten auf dem Niveau vom Bad? Du weißt, wo die Fußgängerbrücke ist? Ja. Ja, genau. Du gehst am besten über die Fußgängerbrücke, weil da kannst du nicht verlaufen, hältst dich an der rechten Seite und nach zwei Minuten zu Fuß steht er zu dir. Am besten, wenn ihr ihn suchen wollt, im Sommer müsst ihr mehr Zeit nehmen, ja, weil die haben dann in den 70er Jahren rund um den Rudnerturm eben

[16:27] Bäume gepflanzt, das heißt, der ist wirklich eingedeckt, im Winter sticht er sofort ins Auge, aber da geht dann immer den Park. Wie hoch zieht der? Das, also es gibt zwei Türme, der höher ist, bei den 15,4 Meter. Okay. Konntest du auch, das interessiert mich, erforschen, ich habe da so ein schönes Bild gesehen aus langen Lebern, das hat so richtig, wie, du hast den Arbeiter gesehen, der auf dem Turm war, konnte man noch ein bisschen mitkriegen, was jetzt rund um diese existenten Türme stattgefunden hat, wie die Leute da gelebt haben, wie sie sie benutzt haben, ob es da Fans gab davon oder solche, die das vernachlässigt haben, weil es ist ein Gebäude und jedes Gebäude hat ja auch irgendwo ein soziologisches Momentum, wie die Menschen damit interagieren. Hast du das auch erfahren können oder war das jetzt mehr auf die technische Seite

[17:27] konzentriert? Da gibt es zwei Dinge zu sagen, von wissenschaftlicher Perspektive und vor allem von verfahrenstechnischer Seite, aber auch das, was die Anfänge mit Steuerung und Regelungstechnik zu tun haben, waren das hochinteressante Objekte und da ging eigentlich hauptsächlich der Fokus dahin. Auf der anderen Seite, und das ist ein ganz wichtiges Fundament von unserem Institut, wo wir immer sagen, uns interessiert, also wir sind keine Plant Factory Designer, wir sind keine Industrial Designer. Bei uns geht es wirklich darum und das ist ein ganz wichtiger Punkt, dass die Vertical Farm ein strukturelles Element vom urbanen System ist. Das heißt, wir überlegen uns immer, was ist das Funktions- und Traumprogramm davon, wir schauen uns die ganze Lebensmittelwertschöpfungskette an und die gehört eigentlich rein, weil das ganz Wichtige ist, dass man eine Transparenz wiederherstellt, wie werden Lebensmittel eigentlich produziert, damit diese Bezüge wiederhergestellt werden, dass du Produzenten

[18:25] kennenlernst, dass du die Verfahren mitkriegst etc. Es gab sehr viel Skepsis oder Ablehnung dadurch und das beantworte ich aber mit einer Anekdote, das war auch bei einer Eröffnungsfeier und eine ältere Frau saß dem Oswald gegenüber und hat gesagt, ja, fantastisch, was Sie hier machen, ja, gefällt mir sehr gut, aber anzeige Ihnen gleich das ganze chemische Zeug, das würde ich nie essen. Ja, dann nimmt er eine Mineralwasserflasche, dreht sie um zu ihr und sagt, nee, Frau, lesen Sie mal, was da hinten drauf ist. Ja, was soll ich, lesen Sie das, ja, etwa Kalium, Magnesium, Phosphat, was auch immer und das trinken Sie und dasselbe machen wir mit Pflanzen. Da war auch Ruhe. Ja, und das ist aber, das Witzige ist, du musst das heute auch immer noch reden, weil es gibt einfach so im Unverständnis, viele sagen, ja, Chemie ist, als wäre Chemie

[19:23] irgendwas Böses. Okay. Mit dem Vertical Farming Institute bist du, wir haben einmal geredet, da warst du gerade am Weg nach Lodz, jetzt kommst du gerade aus Berlin, das heißt, du hast einen großen Scope, was das heutige Vertical Farming betrifft und bist gleichzeitig mehr oder weniger ein bisschen wie ein Kind von Ruthner geworden. Wie viel Ruthner Otmar Ruthner steckt heute noch in den Ideen des Vertical Farming, die du selber entwickelst oder die du bei Exkursionen kennenlernst? Jetzt tue ich mir etwas leichter, das zu beantworten, weil ich habe festgestellt, eigentlich ziemlich viel. Also die Bekanntschaft und die Auseinandersetzung damit hat mir eigentlich wieder sehr viel, sagen wir mal, also wenn du Impact-driven bist, bist, dann sind diese Leute unglaublich wertvoll, weil du rennst eigentlich in deinem Alltagsgeschäft eigentlich immer gegen Mauern beziehungsweise gegen Unverständnis. Das ist einfach so. Das, wovon wir reden,

[20:37] ist eine disruptive Geschichte. Aber eine, von der wir hundertprozentig überzeugt davon sind, Kinder, das muss ein integrativer Bestandteil von einer resilienten Stadt sein. wer glaubt wirklich, dass wir unser System, vor allem unser Lebensmittelversorgungssystem, so weiterfahren können wie bis jetzt? Dem ist einfach nicht zu helfen. Und wenn du aber mit dem Router zusammensitzt und wenn du die Herausforderungen mitkriegst, mitkriegst, wo du denkst, das gibst du nicht, dass ich immer nur die gleichen Diskussionen führen muss, auf Verwaltungsebene, mit Politikern und so weiter. Wenn du es auf Geschäftsführerebene diskutierst, habe ich nur das größte Verständnis, weil du musst das, also deine Big Picture oder deine Visionen irgendwie abbilden können in einem Geschäftsmodell. Aber auch da gehören ein bisschen innovativere Excel-Tabellen irgendwie zusammen, damit man sich überlegen kann, wie können wir ein Gebäude zum Funktionieren bringen. Aber das Scheitern auf Verwaltungsebene, weil wir haben jetzt

[21:34] einfach nicht die Möglichkeit, da jetzt das irgendwo reinzustrupfen in irgendeiner Schublade, die wir uns halt gerichtet haben in den letzten Jahrzehnten. Da, denke ich, habe ich sehr viel mitbekommen. Und eines, das ist ein ganz ein banales Wort, das ist einfach Geduld. Ich hätte jetzt so viele Zwischenfragen, aber wir machen ja noch einen Teil 2, wo eben dieses Ganze städtische Momentum und das städtische Getriebe, das solche Dinge wie im Ruthner-Hochhäuser fördert oder killt, sind Sie dann in Teil 2. Aber noch so eine romantische Frage, wir sind Forerunners-Network und Menschen, die Schritte gehen, dort, wo noch keine gesetzt worden sind, interessieren uns. Und du, Daniel, hast dich sehr stark mit der Person beschäftigt und mit vielen anderen Pionieren in der Architektur logischerweise. Und wenn ich jetzt sage, so zwischen Yvon Chouinard, den Patagonia-Gründer, oder Madame Curie, oder, keine Ahnung, den Gebrüdern Wright,

[22:50] gebe es deine Stufe, eine Visionärstufe von 1 bis 10, 1 ist schwach, 10 ist super, wo würdest du den Ottmar Rübner einordnen? Eindeutig bei 10. Eindeutig bei 10. Eindeutig, ja. Warum? Weil er Menschen damit konfrontiert hat, mit einem System, das du davor einfach noch nie gesehen hast. Und, das ist die zweite Geschichte, und da gibt es auch kleine Parallele, da mag ich aber bescheiden bleiben, aber es gibt sie einfach, der hat einfach gesehen, das interessiert kein Mensch, da investiert niemand, da gibt es keine Förderung, was auch immer, aber ich muss das weiterbringen, ich muss das testen. Und da musst du einfach andere Kanäle, da denke ich jetzt an die Anfangszeiten vom Vertical Pharma Institut, es gibt viele Fragen zu beantworten, die kannst du nur machen, wenn du das wirklich paust. Also wo praktisch die Meinung, wenn die dann 10 sagen,

[23:49] das funktioniert eh nicht, aber wenn die 10 keine Ahnung davon haben, dann hilft mir die Aussage nichts. Das muss ich selber rausfinden dann. Und deswegen 10. 10. Forerunner gehen einen Schritt weiter, auch wenn alle sagen, dort kannst du nicht hingehen, da darfst du nicht hingehen, sie tun es trotzdem. Natürlich, es ist ganz leicht, eine Liste aufzusetzen, warum irgendetwas Neues, Innovatives nicht funktioniert. Das waren schöne Schlussworte, das heißt, wir hören uns dann den Teil 2 gemeinsam in zwei Wochen an, hört euch auch auf Forerunners Network all die anderen Podcasts an, das ist ein Videocast, der ist natürlich auch als Podcast verfügbar, und unser nächster ist das Thema Vertical Farming mit Daniel Potmesek in der Jetztzeit und in der Zukunft. Ich danke euch fürs Zuschauen und wählt uns bitte weiter. Bis zum nächsten Mal.

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