Temu, Shein und Co.: Die Müllmaschine im Warenkorb

Milliarden Billigpakete gelangen jedes Jahr nach Europa. Ein ungewöhnlich breites Bündnis aus Handel, Sozial-, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen fordert nun strengere Kontrollen, eine klare Haftung der Plattformen und Sanktionen bis hin zu temporären Sperren. Ein Kleid um 9 Euro, Elektronik zum Schleuderpreis, Sonnenbrillen im Sechserpack: Plattformen wie Temu und Shein haben den Onlinehandel radikal beschleunigt. Was […]

Temu, Shein und Co.: Die Müllmaschine im Warenkorb
Nachricht13.08.2026

Milliarden Billigpakete gelangen jedes Jahr nach Europa. Ein ungewöhnlich breites Bündnis aus Handel, Sozial-, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen fordert nun strengere Kontrollen, eine klare Haftung der Plattformen und Sanktionen bis hin zu temporären Sperren.

Ein Kleid um 9 Euro, Elektronik zum Schleuderpreis, Sonnenbrillen im Sechserpack: Plattformen wie Temu und Shein haben den Onlinehandel radikal beschleunigt. Was für Konsumentinnen und Konsumenten wie ein besonders günstiges Geschäft aussieht, verursacht jedoch Kosten, die auf keinem Preisschild stehen – für Umwelt und Klima, für Beschäftigte entlang der Lieferketten und für europäische Unternehmen, die sich an strengere Regeln halten müssen.

Ein breites österreichisches Bündnis schlägt deshalb Alarm. Die Caritas der Erzdiözese Wien, die Clean Clothes Campaign, Fairtrade Österreich, Global 2000, der Handelsverband und Südwind fordern in einem offenen Brief an die Bundesregierung gleiche Bedingungen für alle Unternehmen, die ihre Waren auf dem europäischen Markt anbieten.

5,9 Milliarden Sendungen in einem Jahr

Die Dimension des Problems zeigt sich an einer Zahl: 2025 wurden fast 5,9 Milliarden Waren mit geringem Wert direkt aus Drittstaaten an Kundinnen und Kunden in der Europäischen Union verschickt. Das entspricht rechnerisch mehr als 16 Millionen Sendungen pro Tag.

Für Zoll- und Marktüberwachungsbehörden ist diese Paketflut kaum zu bewältigen. Nur ein Bruchteil der Waren kann tatsächlich kontrolliert werden. Genau darin sieht das Bündnis einen strukturellen Wettbewerbsvorteil für internationale Plattformen und Direktversender.

Während österreichische und europäische Unternehmen Vorgaben zu Produktsicherheit, Konsumentenschutz, Steuern, Umweltstandards und Arbeitsrechten erfüllen müssen, gelangen Produkte aus Drittstaaten vielfach ohne ausreichende Überprüfung auf den Markt. Aus Sicht der Unterzeichner entsteht damit ein System, in dem sich die Umgehung europäischer Standards wirtschaftlich lohnen kann.

Die Falle hinter dem niedrigen Preis

Besonders scharf formuliert Global-2000-Geschäftsführerin Alexandra Strickner die Kritik: „Temu, Shein und Co. sind gigantische Müllmaschinen. Aggressive Werbung lockt uns in eine Müll-, Klima- und Ressourcenfalle.“

Ein gemeinsamer Test von Global 2000 und der Arbeiterkammer Oberösterreich hatte bereits 2025 erhebliche Mängel bei Billigmode der beiden Plattformen festgestellt. Sieben von 20 untersuchten Kleidungsstücken wurden als nicht verkehrsfähig eingestuft. Bei einzelnen Produkten seien zulässige Grenzwerte für Chemikalien und Schwermetalle teils um ein Vielfaches überschritten worden.

Das Problem endet nicht bei möglichen Schadstoffen. Ultra-Fast-Fashion besteht häufig aus synthetischen Fasern, ist schwer wiederzuverwerten und wird oft nur kurze Zeit getragen. Der niedrige Kaufpreis fördert ein Geschäftsmodell, das auf enorme Mengen, kurze Produktzyklen und raschen Ersatz setzt. Aus vermeintlich billigem Konsum wird so ein Ressourcen- und Abfallproblem.

Wer verkauft, muss Verantwortung tragen

Die zentrale Forderung des Bündnisses lautet deshalb: Wer Zugang zum europäischen Markt hat, muss auch die europäischen Regeln einhalten.

Konkret verlangt der offene Brief:

  • mehr Personal und bessere technische Ausstattung für Zoll und Marktüberwachung,
  • einen schnelleren Aufbau des europäischen Zolldatenzentrums,
  • eine konsequente Überarbeitung der europäischen Marktüberwachungsregeln,
  • eine klare Haftung internationaler Onlineplattformen für die angebotenen Produkte,
  • wirksame Sanktionen bei wiederholten Verstößen – bis hin zur Entfernung einzelner Angebote oder temporären Sperren.

Entscheidend ist dabei die Frage der Plattformhaftung. Wird ein Produkt angeboten, für das es keinen verantwortlichen Wirtschaftsakteur innerhalb der EU gibt, soll künftig die Plattform selbst für Sicherheit und Rechtskonformität einstehen müssen. Verantwortung dürfte dann nicht mehr zwischen Händler, Produzent, Direktversender und Plattform verloren gehen.

Europa hat bereits reagiert – aber reicht das?

Die Europäische Union hat erste Schritte gesetzt. Seit 1. Juli 2026 gilt für bestimmte E-Commerce-Importe mit einem Wert bis 150 Euro ein vorläufiger Zoll von drei Euro pro Warenkategorie. Ab November sollen verpflichtende Produktkennungen die Rückverfolgbarkeit verbessern. Für 2028 ist der Start eines europäischen Zolldatenzentrums für den Onlinehandel vorgesehen.

Wie groß der Handlungsbedarf bleibt, zeigen Kontrollaktionen aus dem Jahr 2025:

Nach Angaben der EU-Kommission entsprachen mehr als 60 Prozent der überprüften Kosmetika, Spielzeuge, Elektronikprodukte, Nahrungsergänzungsmittel und persönlichen Schutzausrüstungen nicht den europäischen Vorgaben. Fehlende Kennzeichnungen, verbotene Inhaltsstoffe und unvollständige Sicherheitsdokumente gehörten zu den häufigsten Problemen.

Das österreichische Bündnis hält daher mehr Geschwindigkeit und Durchsetzungskraft für notwendig. Regeln allein helfen wenig, wenn ihre Einhaltung angesichts von Millionen täglichen Sendungen praktisch nicht kontrolliert werden kann.

Fairer Handel ist auch eine soziale Frage

Dass neben dem Handelsverband auch Caritas, Fairtrade, Südwind und die Clean Clothes Campaign den offenen Brief unterstützen, macht die ungewöhnliche Breite der Initiative deutlich. Es geht nicht nur um den Schutz heimischer Unternehmen.

Im Mittelpunkt stehen ebenso Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten, Produktsicherheit, Menschenrechte und die ökologischen Folgen eines Konsummodells, dessen tatsächliche Kosten ausgelagert werden. Caritasdirektor Klaus Schwertner verweist darauf, dass verantwortungsvoll wirtschaftende Unternehmen unter Druck geraten, wenn internationale Plattformen ihre soziale, steuerliche und ökologische Verantwortung nicht im selben Ausmaß wahrnehmen müssen.

Auch für Fairtrade-Österreich-Geschäftsführer Hartwig Kirner ist die Frage grundlegend: Unternehmen, die Verantwortung in ihren Lieferketten übernehmen, dürften gegenüber jenen, die europäische Standards umgehen, nicht benachteiligt werden.

Der offene Brief im Wortlaut

Der Preis wird irgendwo bezahlt

Die Debatte um Temu, Shein und andere internationale Plattformen ist keine Auseinandersetzung zwischen freiem Handel und Abschottung. Sie stellt eine einfachere Frage: Dürfen Unternehmen ihren Wettbewerbsvorteil daraus beziehen, dass Regeln kaum kontrolliert und Verstöße nur unzureichend sanktioniert werden können?

Denn auch das billigste Produkt hat einen Preis. Wird er nicht an der digitalen Kassa bezahlt, tragen ihn möglicherweise Beschäftigte, verantwortungsvoll arbeitende Unternehmen, die Umwelt – oder am Ende die gesamte Gesellschaft.

Quellen: Fairtrade Österreich und offener Brief des Bündnisses, ORF/Kathpress, EU-Kommission zur neuen Zollregelung, Arbeiterkammer Oberösterreich zum Produkttest

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