Wenn die Erde Eigentümerin wird. ESG, aber richtig.

Patagonia und Tompkins Conservation zeigen, wie Unternehmen aus Nachhaltigkeitszielen dauerhaften Natur- und Artenschutz machen können. Und warum Wirkung nicht erst mit Millionen beginnt, sondern mit einer verbindlichen Entscheidung. Mit einem Best Practice Beispiel aus Österreich. Unternehmen berichten heute über Emissionen, Ressourcen und Nachhaltigkeitsziele. Doch Natur braucht mehr als Kennzahlen: Sie braucht verlässliche Finanzierung, wissenschaftliche Arbeit, […]

Wenn die Erde Eigentümerin wird. ESG, aber richtig.
Nachricht17.08.2026

Patagonia und Tompkins Conservation zeigen, wie Unternehmen aus Nachhaltigkeitszielen dauerhaften Natur- und Artenschutz machen können. Und warum Wirkung nicht erst mit Millionen beginnt, sondern mit einer verbindlichen Entscheidung. Mit einem Best Practice Beispiel aus Österreich.

Unternehmen berichten heute über Emissionen, Ressourcen und Nachhaltigkeitsziele. Doch Natur braucht mehr als Kennzahlen: Sie braucht verlässliche Finanzierung, wissenschaftliche Arbeit, starke Partnerschaften und Zeit. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie wird aus einer Nachhaltigkeitsagenda eine Wirkung, die draußen tatsächlich sichtbar wird?

Eine mögliche Antwort beginnt in Österreich.

Der Unternehmer Peter Schröcksnadel gründete im Februar 2023 den River and Nature Trust. Die Organisation verbindet privates Engagement mit Wissenschaft, Kommunikationsarbeit und konkreten Projekten für lebendige Flüsse und bedrohte Fischarten. Forerunners Network die größere unternehmerische Frage dahinter: Was geschieht, wenn Firmen und Unternehmer:innen Geld, Erfahrung, Reichweite und Infrastruktur bewusst für Natur und Artenvielfalt einsetzen?

Eine der radikalsten Antworten darauf hat Yvon Chouinard gegeben.

Seine Geschichte beginnt nicht im Sitzungssaal, sondern an Felswänden. Als junger Kletterer fertigte er seine Ausrüstung selbst. Als er erkannte, dass die von seinem Unternehmen verkauften Felshaken sichtbare Schäden an den Routen hinterließen, hielt er nicht am erfolgreichen Produkt fest. Er trieb den Wechsel zu wiederverwendbaren Klemmkeilen und zum „Clean Climbing“ voran. Schon damals zeigte sich ein Muster, das Patagonia später prägen sollte: Erkennt ein Unternehmen einen Schaden, muss es sein Geschäftsmodell verändern – auch wenn das kurzfristig unbequem ist.

1973 entstand Patagonia. Aus dem Bekleidungszweig eines Kletterausrüsters wurde eine globale Outdoor-Marke und zugleich ein Langzeitversuch verantwortungsvollen Wirtschaftens. Langlebigere Produkte, Reparatur statt vorschnellem Neukauf, gebrauchte Bekleidung über Worn Wear und weniger schädliche Materialien wurden Teil der Unternehmensstrategie. Glaubwürdig ist daran nicht die Behauptung, perfekt zu sein. Glaubwürdig ist die Bereitschaft, aus den eigenen Auswirkungen immer neue Verpflichtungen abzuleiten.

Ein Prozent vom Umsatz – nicht vom guten Gewissen

Seit 1985 setzt Patagonia nach eigenen Angaben Unternehmen, Stimme und Ressourcen für die Umweltbewegung ein. Besonders wichtig ist die Selbstverpflichtung, ein Prozent des Umsatzes – nicht des Gewinns – für Umweltorganisationen bereitzustellen. Damit wird Naturschutz nicht davon abhängig, ob am Jahresende zufällig genügend Überschuss übrig bleibt. Er wird planbar.

Aus dieser Idee entstand 2002 gemeinsam mit dem Fliegenfischer und Unternehmer Craig Mathews „1% for the Planet“. Das Prinzip ist einfach: Wer mit den Ressourcen der Erde wirtschaftet, gibt einen klar definierten Teil zurück. Nach Angaben des Netzwerks wurden inzwischen mehr als 939 Millionen US-Dollar an Zuwendungen für Umweltzwecke zertifiziert. Für Unternehmen liegt darin eine zentrale Lehre: Ein kleiner, fester Anteil kann über Jahre mehr Wirkung entfalten als eine große, aber einmalige Kampagne.

„Earth is now our only shareholder“

Im September 2022 ging Chouinard noch einen Schritt weiter. Seine Familie übertrug Patagonia auf zwei neu geschaffene Konstruktionen. Der Patagonia Purpose Trust hält zwei Prozent des Unternehmens und sämtliche stimmberechtigten Anteile. Er soll Zweck und Werte sichern. Der Holdfast Collective hält die übrigen 98 Prozent und damit den wirtschaftlichen Wert der nicht stimmberechtigten Anteile. Gewinne, die nicht im Unternehmen benötigt werden, fließen als Dividenden an den Collective und werden für Klima, Natur, Biodiversität und Gemeinschaften eingesetzt.

Chouinard verkaufte sein Unternehmen also nicht, um anschließend einen Teil des Erlöses zu spenden. Er veränderte die Eigentumsordnung so, dass die wirtschaftliche Kraft der Firma dauerhaft für ihren Zweck arbeitet. Sein Satz „Earth is now our only shareholder“ wurde zum Symbol dafür, dass Purpose nicht nur in Leitbildern stehen muss, sondern in Eigentum, Governance und Mittelverwendung verankert werden kann.

Quelle: eu.patagonia.com

Erstaunliche Parallele: Das Fliegenfischen

Sowohl Peter Schröcksnadel, Yvon Chouinard und der Unternehmer Craig Mathews sind Fliegenfischer. Mathews gründete mit Chouinard „1% for the Planet“. Aus der Selbstverpflichtung einer Firma wurde ein Modell, dem sich Unternehmen weltweit anschließen können.

copyright RNT

Für unternehmerisches Engagement ist dieser Perspektivwechsel entscheidend. Naturprojekte sollten nicht nur leicht kommunizierbare Einzelmaßnahmen finanzieren, sondern die ökologischen Ursachen adressieren: Lebensräume, Wanderkorridore, Wasserqualität, natürliche Dynamik, wissenschaftliches Monitoring und die genetische Vielfalt wild lebender Bestände.

Mehr als Geld: Patagonia Action Works

Kleine Umweltorganisationen brauchen nicht nur Spenden. Sie brauchen Aufmerksamkeit, Fachwissen, Technologie, juristische Unterstützung und Zugang zu Netzwerken. Genau hier setzt Patagonia Action Works an. Die Plattform verbindet Menschen mit geförderten Umweltgruppen, Veranstaltungen, Petitionen, Spendenmöglichkeiten und Einsätzen für qualifiziertes Ehrenamt. Patagonia stellt damit auch das zur Verfügung, was für eine bekannte Marke mindestens ebenso wertvoll ist wie Geld: Reichweite, Vertrauen und die Beziehung zu ihrer Community.

Das Modell lässt sich auf Unternehmen jeder Größe übertragen. Eine Rechtsanwaltskanzlei kann Verfahren unterstützen, ein IT-Unternehmen Datenplattformen aufbauen, ein Medienhaus Öffentlichkeit schaffen, ein Produktionsbetrieb Logistik oder Fahrzeuge bereitstellen. Das ökologische Kapital einer Firma liegt auch in ihren Kompetenzen.

Doug und Kris Tompkins: Aus Vermögen wird öffentliches Naturerbe

Ein zweites großes Lebenswerk entstand aus derselben Verbindung von Outdoor-Sport, Unternehmertum und Naturverbundenheit. Douglas „Doug“ Tompkins war Mitgründer von The North Face und Esprit. Kristine „Kris“ McDivitt Tompkins führte Patagonia viele Jahre als CEO. Anfang der 1990er-Jahre verließen beide die operative Unternehmenswelt und widmeten sich dem großflächigen Naturschutz in Chile und Argentinien.

Ihr Ansatz: bedrohte oder geschädigte Flächen erwerben, sichern und wiederherstellen, Lebensräume verbinden und die Gebiete gemeinsam mit den Staaten in dauerhafte Schutzstrukturen überführen. Dazu kamen Programme zur Rückkehr verschwundener oder bedrohter Arten – vom Jaguar und Großen Ameisenbären in den Iberá-Feuchtgebieten bis zum Huemul-Hirsch in Chile. Tompkins Conservation beziffert die geschützte Fläche heute auf nahezu 15 Millionen Acres, also rund sechs Millionen Hektar.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur die Größe. Aus privatem Vermögen wurde öffentliches Naturerbe. Aus einzelnen Landkäufen entstanden Strukturen, die größer wurden als ihre Gründer und langfristig der Allgemeinheit dienen.

Was Unternehmen konkret tun können

Nicht jede Firma kann oder soll ihr Eigentum neu ordnen. Doch jedes Unternehmen kann seine Nachhaltigkeitsagenda um einen verbindlichen Beitrag für Natur und Artenvielfalt ergänzen. Entscheidend sind fünf Prinzipien:

  • Verbindlichkeit statt Restbudget. Ein fixer Umsatzanteil oder ein mehrjähriges Budget schafft Planungssicherheit für Forschung, Renaturierung und Monitoring.
  • Partnerschaft statt Einzelspende. Wirksamer Artenschutz braucht Zeit. Unternehmen sollten Organisationen über mehrere Jahre begleiten und gemeinsam realistische Ziele definieren.
  • Kompetenzen statt reiner Geldleistung. Recht, IT, Film, Kommunikation, Logistik, Räume oder Arbeitszeit können für kleine Initiativen entscheidend sein.
  • Wissenschaft statt Symbolik. Projekte brauchen eine belastbare Ausgangslage, messbare Ziele und unabhängige fachliche Begleitung. Ein schönes Bild allein ist noch keine Wirkung.
  • Regionale Nähe statt austauschbarer Kampagne. Ein Bach, ein Moor, eine gefährdete Art oder ein Lebensraum im Umfeld des Unternehmens schafft Identifikation und macht Fortschritte für Mitarbeiter:innen und Öffentlichkeit nachvollziehbar.

Vom ESG-Bericht zum lebendigen Fluss

Gerade beim Schutz von Flüssen und heimischen Arten fehlen häufig nicht die Ideen, sondern kontinuierliche Mittel für Untersuchungen, Projektkoordination und Umsetzung. Der River and Nature Trust arbeitet etwa mit Wissenschaftler:innen, Fischereiverantwortlichen und regionalen Partnern an Fragen, die im klassischen Sponsoring kaum sichtbar sind: Warum verschwinden Bachforellen aus einem Gewässer? Wo fehlen Laichplätze? Welche Maßnahmen stärken autochthone Bestände? Und wie lässt sich Wirkung über mehrere Jahre überprüfen?

Für Unternehmen kann genau darin ein glaubwürdiges Nachhaltigkeitsengagement liegen: nicht ein beliebiges grünes Projekt einzukaufen, sondern eine konkrete ökologische Aufgabe mit Fachleuten zu verstehen, langfristig zu begleiten und transparent über Fortschritte wie auch Rückschläge zu berichten. Das schafft keine makellose Nachhaltigkeitserzählung. Es schafft etwas Wertvolleres: nachvollziehbare Verantwortung.

An dieser Stelle dürfen wir die Kooperation des River and Nature Trust mit der Privatbrauerei Stiegl anführen

Sie finanziert und war im Mai 2026 auch Gastgeber des Events “Tag der Bachforelle”. In der zweiten Auflage, im Stiegl – Gut Wildshut. Dort  wurde mit Reinfried Herbst wieder ein neuer Botschafter des RNT ernannt. Stiegl in personam Henrich Dieter und Alessandra Kiener machen es möglich, dass sich die Stakeholder der Fischerei in in Österreich gemeinsam mit Medien treffen, um für die bedrohten heimischen. Fischarten zu sprechen. Der Ouput innerhalb der Community und das Ergebnis aus der Berichterstattung war beide Jahre exzellent.

Foto: Wildbild

Der größte Schritt muss nicht der erste sein. Aber der erste Schritt muss verbindlich sein. Unternehmerischer Mut beginnt dort, wo ein Unternehmen entscheidet, dass ein klar definierter Teil seines Erfolgs von nun an der Natur gehört.

Quellen und weiterführende Links

Patagonia: Earth is now our only shareholder

Patagonia: Environmental Activism

Patagonia Action Works

1% for the Planet: Our Story

Patagonia Films: Artifishal

Tompkins Conservation: Explore Our Work

River and Nature Trust: Netzwerk & Mission

Titelbild: Credit Tim Davis

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